Mittwoch, 9. April 2003

Die zweite Staffel folgt schon im Herbst 2003

  • Das Casting hat bereits begonnen!

Das Phänomen. Wie der ORF aus zwölf Nobodys in fünf Monaten ein bundesweites Pop-Phänomen zauberte. Plus: Die zweite „Starmania“-Staffel folgt schon im Herbst 2003.

Freitag, 3. April, 12 Uhr: Die minutiösen Vorbereitungen für den bevorstehenden Auftritt der „Starmania“-Kandidaten im oberösterreichischen Vorchdorf sind längst getroffen. Ein Großteil der 3.000 nachwüchsigen Fans findet sich nach und nach ein, um die besten Plätze für die „Starmania“-Show, die um 20 Uhr beginnen soll, zu okkupieren. Zwei Sanitätszelte, 60 Securities, ein Rettungswagen, zehn Tragbahren, 20 Decken, warmer Tee und Verbandszeug sollen die 3.000 hysterischen Fans versorgen. Stärkstes Alterssegment: knapp über der Pampers-Generation bis hin zum oberen Rand der Frühpubertät – immerhin kollabieren im „Starmania“-Taumel durchschnittlich 60 minderjährige Fans pro Konzert. „Die Hysterie bei den ‚Starmania‘-Konzerten ist eine andere als bei ,normalen‘ Konzerten“, analysiert René Voak, Leiter
des Veranstaltungszentrums VAZ St. Pölten, das kollektive Versagen der jugendlichen Psychophysik. „Die Kinder warten bis zu acht Stunden auf ihre Idole, vergessen vor lauter Vorfreude zu trinken und brechen dann in logischer Konsequenz zusammen. Wir verteilen 1.000 Becher mit Wasser, um das Schlimmste zu verhindern.“

Pop statt Kasperl.
Länger dienende Beobachter der Musikszene finden seit den Auftritten der seligen Beatles keinen vergleichbaren Star-Hype. Für den Tour-Producer Herbert Fechter kommt die Extremreaktion der Jugend wenig überraschend: „Die plötzliche Hautnah-Konfrontation mit den Idolen aus dem Fernsehen, gepaart mit Lichteffekten und der lauten Musik, schaukelt die Emotionen der Kids in orgasmische Höhen. Außerdem kommt dazu, dass diese Show wohl das erste Event ist, das manche der Kinder nach dem Kasperltheater live erleben.“ Die so genannte Kids-Pop-Culture, eine Art der Hysterie, die vorzugsweise bei Boygroup-Konzerten ausgelöst wird, ist für den Kinderpsychologen Dr. Max Friedrich unbedenklich und normal: „Identifikation, Idolisierung und die Suche nach Intimität gehören zum Erwachsenwerden dazu. Die Welt der Starmaniacs ist ein glamouröses Vorbild.“

Einschaltdroge.
Von der höchst infektiösen Starmanie bleibt indessen auch gesetzteres Publikum nicht verschont. Die insgesamt 67 „Starmania“-Sendungen bewegten nachweislich 5,2 Millionen Österreicher zum TV-Gerät, was einer „Reichweite“ von satten 78 Prozent der Bevölkerung entspricht. Nach dem Motto „Vergesst den Seniorenclub“ mutierten mehr als drei Viertel der über 50-Jährigen zu haltlosen Pop-Maniacs. Überdurchschnittlich hoch war auch der Akademiker- und Maturantenanteil mit 25 Prozent. „Gute Unterhaltung definiert sich heutzutage eben lieber durch Reality als durch schlechte Fiktion. Die Zuseher sehnen sich nach Echtem“, kommentiert Plattenboss Bogdan Roscic die Rekordresonanz, die etwa sogar den ORF-Quotenrenner „Taxi Orange“ überholt hat. Der Entdeckertrieb des Publikums wurde vor allem auch durch das delikat-voyeuristische „Leider nein“-Element (die DVD erscheint am 14. April) und die Einführung des umstrittenen „Friendship-Tickets“ geweckt. Roscic: „Der Zuseher will Emotionen mitfühlen, persönliche Entwicklungen der Kandidaten beobachten, Freundschaften sich bilden und wieder zerbrechen sehen.“ Die Quotenstatistik beweist, dass sich viele Zuseher gar erst zum gruppendynamischen Rausschmiss zugeschaltet haben.

Julia Kautz, Marlene Mayer

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9.4.2003 17:51