"Gnadenfrist" für Grundig: Montag fällt Entscheidung
- 3.500 Beschäftigte - 850 in Wien - bangen um ihre Jobs
- Grundig-Krisenmanager besuchte Wiener Werk (Kasten)
Das Bangen der Grundig-Mitarbeiter - allein im Wien-Werk sind 850 Menschen beschäftigt - geht weiter: Erst am Montag soll über die Zukunft des vor der Pleite stehenden Konzerns entschieden werden. Vorerst wird keine Insolvenz angemeldet. Auch wenn die Produktion im Werk Wien ruht: Sampo und Beko sind offenbar noch nicht aus dem Rennen. Aber "jeder rechnet mit dem Schlimmsten"
Gnadenfrist für den von der Pleite bedrohten deutschen Grundig-Konzern: "Wir werden in dieser Woche keine Insolvenz anmelden", hatte Finanzvorstand Günter Moissl am Vormittag in Nürnberg versichert.
Für Freitag hatten Branchenkreise ursprünglich den Antrag erwartet, nachdem die Banken am Montag eine Verlängerung der Kreditlinien abgelehnt hatten. Beim zuständigen Amtsgericht Nürnberg ging tatsächlich bis Dienstschluss um 15 Uhr keine Insolvenzanmeldung ein. Allerdings ist die Gefahr einer Insolvenz noch nicht gebannt. Die Produktion im TV-Werk Wien (850 Beschäftigte) ruht, zunächst bis nach Ostern. Für Montagmittag ist mittlerweile in der deutschen Konzernzentrale eine Betriebsversammlung angesetzt worden.
Damit wird das Unternehmen frühestens kommende Woche Insolvenz anmelden. Finanzvorstand Moissl äußerte im Reuters-Interview zugleich vorsichtigen Optimismus, dass sich der Gang zum Insolvenzrichter womöglich noch vermeiden lässt.
Der neue Vorstandschef Eberhard Braun wird sich nach Angaben von Unternehmenssprecher Holm Kilbert frühestens Montag zur Zukunft des Konzerns äußern. Für Montag 13.00 Uhr hat der Betriebsrat die 1.400 Mitarbeiter am deutschen Stammsitz zu einer Betriebsversammlung eingeladen, zu der auch Braun erwartet wird.
"Ich befürchte, dass wir dann über den Insolvenzantrag informiert werden", sagte Betriebsratschef Thomas Schwarz. Er bezifferte die Bankverbindlichkeiten auf "130 bis 260 Mio. Euro".
Der Insolvenzexperte Braun war am Dienstag zum neuen Unternehmens-Chef berufen worden, nachdem Hans-Peter Kohlhammer nach Angaben des Betriebsrats erklärt hatte, er stehe für eine Insolvenz nicht zur Verfügung. Am Montag war mit dem türkischen Beko-Konzern auch der zweite potenzielle Investor nach der taiwanesischen Sampo-Gruppe abgesprungen.
Schwarz rief den Vorstand dazu auf, nun mit den Arbeitnehmervertretern an einem Strang zu ziehen. Der Betriebsrat, der auch Mitglied im Aufsichtsrat ist, sprach sich für eine Insolvenz in Eigenverantwortung - eine Art Chapter-11-Verfahren - aus. "Dann ist es möglich, einige Leute zu schützen und das Geschäft mit einem Investor weiterzubetreiben." Wie viele Arbeitsplätze gerettet werden könnten, wollte Schwarz nicht beziffern.
Er gab sich aber optimistisch, dass der Name Grundig erhalten werden kann. "Das ist ein Name, der für Qualität bürgt und in der Bevölkerung Rückhalt hat", sagte er. Für die rentablen Grundig-Bereiche wie Car-Audio, Satelliten-Anlagen und Entwicklung gebe es bereits Interessenten.
Forderungen, das Wiener TV-Geräte-Werk nach Nürnberg zurückzuholen, erteilte er eine Absage. "Ich habe vor zwei Jahren gesagt, dass die Verlagerung nach Wien ein Fehler ist", sagte Schwarz. Jetzt wäre eine Produktion im deutschen Langwasser technisch gar nicht mehr möglich, da 80 Prozent der Anlagen bereits demontiert seien.
Laut Finanzvorstand Moissl ist nach wie vor nicht ausgeschlossen, dass der Schritt der Grundig-Insolvenzanmeldung in der kommenden Woche erfolgen werde. Der Vorstand mit dem neu berufenen Sprecher und Insolvenzexperten Braun habe die ganze Woche über Gespräche mit Banken und Lieferanten geführt. "Die laufen vernünftig."
Der Betrieb geht derzeit nach den Worten von Aufsichtsratsmitglied Detlef Thiede weiter. Er zeigte sich zugleich skeptisch, was die Chancen auf eine finanzielle Unterstützung durch den Freistaat anbelangt. Das bayerische Wirtschaftsministerium lehnte am Freitag eine Stellungnahme auf die Frage ab, ob finanzielle staatliche Hilfen für Grundig grundsätzlich möglich seien. Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (CSU) war bereits mehrfach an Rettungsaktionen beteiligt gewesen. Erst Ende 2002 hatte die EU eine Bürgschaft des Landes für Grundig in Höhe von 45 Mio. Euro gebilligt. Eine erneute Bürgschaft dieser Art verstoße aber gegen EU-Recht, sagte ein Ministeriumssprecher.
Am Montag hatten die Banken dem deutschen Grundig-Konzern nach mehrfacher Verlängerung von Kreditlinien den Geldhahn zugedreht. Der Konzern sucht seit Jahren einen finanzkräftigen Partner, der die Fortführung des 1945 gegründeten Unternehmens sichern könnte. Zahlreiche Ankündigungen hierzu verstrichen ergebnislos, ein mit dem taiwanischen Elektronikkonzern Sampo unterzeichneter Kaufvertrag platzte im März. Grundig beschäftigt aktuell rund 3.500 Mitarbeiter - zu Spitzenzeiten Ende der 70er Jahre waren es einmal 38.000 gewesen.
Es gebe eine gewisse Wahrscheinlichkeit, das Geschäft über "eine vernünftige Zeit" fortzuführen, sagte auch Finanzchef Moissl heute. Die Gesprächspartner zeigten durchaus Bereitschaft, dem neuen Management sowohl in finanzieller als auch in zeitlicher Hinsicht Optionen einzuräumen. Sollte es gelingen, eine Pleite zu vermeiden oder hinauszuzögern, sei es weiter Ziel, einen Investor zu finden.
Man werde nochmals mit den abgesprungen Interessenten - Sampo und Beko - sprechen. Zudem gebe es weitere Anfragen.
In Aufsichtsratskreisen wurden die offenbar vorliegenden neuen Kaufangebote skeptisch bewertet. "Angeblich liegen die Schreibtische voll von Anfragen, aber ob das seriös ist, muss man erst einmal sehen", hieß es. Als Hindernisse für den Einstieg eines Investors gelten neben massiven Verlusten auch hohe Pensionsverpflichtungen und die Wiener TV-Produktion, die Medienberichten zufolge nur zur Hälfte ausgelastet ist.
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