Montag, 7. April 2003

Nach Insolvenz: Grundig setzt wieder auf Beko

  • Grundig-Eigentümer will Wiener Werk ab 2004 schließen
  • Das Zittern um 850 Jobs in Wien geht weiter

Weiter Zittern um 850 Jobs im Wiener Fernsehgeräte-Werk von Grundig. Der Rosenheimer Antennen-Hersteller Anton Kathrein, der über eine Vermögens- Verwaltungsgesellschaft alleiniger Eigentümer von Grundig ist, erwägt laut "Financial Times Deutschland" (FTD) nach der Insolvenz von Grundig, das Wiener Werk zu schließen. Bei den Bemühungen um eine Rettung des zahlungsunfähigen Elektronik-Herstellers Grundig ist unterdes offenbar der türkische Konzern Beko wieder im Rennen. Grundig-Vorstandschef Eberhard Braun und Insolvenzverwalter Siegfried Beck verhandelten seit Dienstagmittag in Istanbul mit der Beko-Führung, teilte Kathrein der dpa mit.

Nach dem Scheitern der Übernahme-Gespräche mit Beko in der Vorwoche sind nach Kathreins Einschätzung die Chancen für eine Einigung mit dem türkischen Unternehmen nun ungleich besser. "Beko war vor den rund 220 Mio. Euro Pensionsverpflichtungen zurückgeschreckt. Daran ist das ganze in der vergangenen Woche gescheitert. Das kann man ja eigentlich auch gut verstehen: Welches Unternehmen möchte schon Verpflichtungen für 14.000 Mitarbeiter übernehmen, die schon lange nicht mehr bei Grundig beschäftigt sind", sagte der Rosenheimer Unternehmer.

Dieses Hindernis sei nun mit der Insolvenz aus dem Weg geräumt. Insofern sei der Insolvenzantrag ein "Befreiungsschlag" und keineswegs das Ende von Grundig gewesen. "Es ging einfach so nicht weiter. Wir mussten einen Schlussstrich ziehen", fügte Kathrein hinzu. Gleichzeitig wies er Vorwürfe von Arbeitnehmervertretern zurück, er habe sich zuletzt zu wenig um eine Rettung Grundigs bemüht. "In den vergangenen Monaten ist rund ein Drittel meiner Arbeitszeit für Grundig draufgegangen."

Mit dem türkischen TV-Geräte-Hersteller als potenziellem neuem Investor könne er sehr gut leben. "Beko war schon immer mein Wunschpartner", sagte er. Mit dem Beko-Mutterkonzern Koc arbeite er seit 25 Jahren auf dem Mobilfunk-Markt zusammen. "Das ist ein sehr verlässlicher Partner". Dass die Verhandlungen mit Grundig gescheitert seien, liege auch an dem zu diesem Zeitpunkt vollzogenen Generationswechsel im Koc-Konzern.

Nach Kathreins Angaben ist Beko vor allem an der Forschungs- Abteilung der Grundig AG in Nürnberg interessiert. "Die haben so was überhaupt nicht", sagte er. Daneben seien für die Türken die Vertriebs- und Marketing-Abteilung interessant. Rund 8.000 Händler seien eine gute Vertriebsbasis für Beko auf dem deutschen Markt. Darüber hinaus gehe es Beko um den gut eingeführten Markennamen "Grundig". Dadurch könnten etwa am Standort Nürnberg etwa 1.300 Arbeitsplätze erhalten werden.

Was passiert mit Wiener Werk?
Ein zentrales Problem bei der Rettung von Grundig ist die Fernsehgeräteproduktion, die 2001 von Nürnberg nach Wien verlagert wurde. "Da bin auch ich gefordert", sagte Kathrein und deutete eine mögliche Lösung an: Er sei bereit, das profitable Autoradiowerk in Portugal in seine Rosenheimer Kathrein-Gruppe einzugliedern und dafür die Schließungskosten für das Wiener Werk zu finanzieren, an dem auch Beko kein Interesse hat. "Das würde null zu null aufgehen", sagte Kathrein.

Laut einem unternehmensinternen Gutachten würde eine Schließung des Werks nach Abzug der Immobilienerlöse 26 Mio. Euro kosten. In Wien sind 850 Mitarbeiter beschäftigt. 85 Prozent aller Grundig-Fernseher werden dort gefertigt, die übrigen 15 Prozent stellt Beko in Lizenz her. "Wir bräuchten allerdings noch ein Jahr die Produktion in Wien, um Lieferverträge einhalten zu können", betonte Kathrein.

Diese Zeit könnte Grundig auch nutzen, um doch noch einen neuen Investor für die TV-Geräte zu finden. "Es gibt nach wie vor zwei Interessenten", so Kathrein. Eine Bietergruppe um den Ex-Grundig-Manager Cornelis Rinck hatte zuletzt Interesse bekundet. Der österreichische Industrielle Kovats hatte bereits mit Grundig verhandelt. "Kovats kommt eher nicht in Frage", sagte Kathrein.

7.4.2003 14:04