Samstag, 12. April 2003

Plünderungen und Chaos im Irak: USA bleiben gelassen

  • Rumsfeld: Befreiung hat ihren Preis

Es sind die Bilder, die die US-Regierung vermeiden wollte: Chaos auf den Straßen Bagdads und plündernde Irakis, die mit ihrer Beute durch rauchende Trümmer ziehen. Und die US-Soldaten, die in nur drei Wochen die irakische Armee besiegten, schauen teilnahmslos zu. Doch das Weiße Haus und das Pentagon geben sich nach außen hin ungewöhnlich gelassen.

Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zeigt Verständnis für die chaotischen Zustände. Er erklärt sie mit dem Übergang von Jahrzehnten der Unterdrückung zu einer freien Gesellschaft. Sie seien zwar bedauerlich, aber als "Preis" zu akzeptieren.

"Wir können nicht alles gleichzeitig machen!"
Auch Präsidentensprecher Ari Fleischer meint, die Plünderungen seien verständlich, während im Hintergrund auf den Bildschirmen brennende Gebäude zu sehen sind. Mit der Zeit werde Recht und Ordnung schon wieder hergestellt, fügt er optimistisch hinzu. Wie dies allerdings geschehen soll, lässt Fleischer offen. Er verweist dabei lediglich auf das von Briten kontrollierte Basra, wo die Plünderungen nach einer Weile nachgelassen hätten. Eine Erklärung für das Zuschauerrolle der US-Truppen gibt General Stanley McChrystal. "Wir können einfach nicht alles gleichzeitig machen". Jetzt sei es erst einmal wichtig, die Reste der Republikanischen Garde und der paramilitärischen Einheiten auszuschalten, weil diese im Gegensatz zu den Plünderern eine wirkliche Bedrohung darstellten.

Machtvakuum im Irak
Ex-Pentagon-Sprecher Ken Bacon will diese Erklärung nicht akzeptieren. Es gebe im Irak jetzt ein Machtvakuum, das zu erwarten gewesen sei. Das Pentagon hätte einfach Militärpolizei nach Bagdad schicken sollen und auch mehr Truppen, meinte Bacon im US-Nachrichtensender CNN. General Vincent Brooks vom Zentralkommando in Katar erklärte unterdessen: "Wir nehmen die Bevölkerung einfach nicht so in den Griff, wie es das Regime tat." Damit drückt Brooks nach Ansicht von Beobachtern auch indirekt die Sorge der Militärs aus, dass die Soldaten, die bei ihrem Einmarsch in Bagdad als Befreier gefeiert wurden, schnell in die Rolle der Bösen geraten könnten, sollten sie härter durchgreifen.

Soldaten in der Zwickmühle
Schon jetzt sind die Soldaten in einer Zwickmühle. Immer wieder müssen sie an den Kontrollpunkten binnen Sekundenbruchteilen entscheiden, ob ein sich nähernder Zivilist vielleicht einen Selbstmordangriff plant oder nicht. Warten sie zu lange, setzen sie ihr eigenes Leben aufs Spiel. Warten sie nicht, sterben unschuldige Zivilisten und das Ansehen der Befreier leidet weiter.

Sollte das Militär seine Aufgaben auf Polizeifunktionen ausweiten, droht die Gefahr, dass das Image weiteren Schaden erleidet und damit die Amerikaner zu Zielen von Racheakten werden. In einem Kommentar der "New York Times" hieß es zu der Lage in Bagdad und den Hoffnungen für die Zukunft des Irak, die Regierung von Präsident George W. Bush sei sehr gut, wenn es um Eroberungen gehe, zeige sich danach aber als "ein Muster sträflicher Vernachlässigung".

12.4.2003 13:28