Donnerstag, 10. April 2003

Rätselraten: Wo sind Saddams Gefolgsleute geblieben?

  • Zehntausende Gardisten wie vom Erdboden verschluckt
  • PLUS: Wo ist Saddam? Die möglichen Verstecke im Kasten!

Kein Wächter steht mehr vor einem Botschaftsgebäude, kein Blockwart oder Parteifunktionär lässt sich mehr blicken, kein Geheimdienstmann kontrolliert mehr die ausländischen Journalisten in Bagdad. Nicht nur Präsident Saddam Hussein und alle engen Mitarbeiter sind verschwunden, sondern auch zehntausende Vertreter des irakischen Überwachungsstaats sind seit Mittwoch plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.

Niemand weiß, ob Saddam Hussein von seinen eigenen Leuten getötet wurde, in einem Tunnel in Bagdad steckt oder in den Nordirak geflüchtet ist. Doch abgesehen vom Schicksal des 65-jährigen Machthabers drängt sich die Frage auf, wie angesichts der von den Amerikanern weitgehend zerstörten Kommunikationsstrukturen trotzdem fast alle Ministerialbeamten, Soldaten und Kämpfer wissen konnten, dass sie am Mittwoch besser das Weite suchen oder zu Hause die Parteiabzeichen verbrennen sollten.

"Die kleinen Fische verstecken sich ..."
"Jeder, der irgendwie zum System gehörte, wusste schon Tage vorher, was passieren würde", meint ein irakischer Beamter, der am Vortag den Untergang des Regimes innerhalb von zwei Tagen vorausgesagt hatte. "Das war ein Plan: Die Führung versteckt sich entweder auf dem Land oder bei engen Vertrauten und die kleinen Fische warten einfach in ihren Häusern ab", glaubt er. Auch die Menschen in Saddam Husseins Geburtsort Tikrit, die wichtige Positionen in Spezialeinheiten und im politischen System bekleidet hatten, sollen sich nach seiner Einschätzung schon vor Kriegsbeginn entschieden haben, nicht zu kämpfen.

Militärische Strategie Saddams verunglückt
Die Art und Weise wie die amerikanischen Soldaten den Großteil von Bagdad unter ihre Kontrolle gebracht haben, hat auch bei vielen arabischen Beobachtern außerhalb des Irak den Verdacht geweckt, die Entscheidung, die Hauptstadt aufzugeben, sei schon vor längerer Zeit gefallen. "Der Widerstand in Städten wie Nassiriyah und Kerbela hat die Eroberung Bagdads nur verzögert", meint der irakische Ex-Geheimdienstchef Wafik Samarrai. Er meint, der Widerstand in Bagdad sei ohnehin nur symbolisch gewesen, die militärische Strategie Saddams ein völliger Fehlschlag.

Geheimabkommen mit den USA?
Andere glauben dagegen an ein Geheimabkommen zwischen Amerikanern und Angehörigen der militärischen Führung des Irak. Die arabische Zeitung "Al-Hayat" berichtet in ihrer Ausgabe vom Donnerstag unter Berufung auf diplomatische Quellen, Washington habe sich möglicherweise mit den sunnitischen Generälen geeinigt, um eine große Konfrontation in Bagdad, Tikrit und anderen Städten mit vorwiegend sunnitischer Bevölkerung zu vermeiden. Dadurch wollten die Amerikaner ein Gegengewicht zur Dominanz der schiitischen Bevölkerungsmehrheit schaffen. Der libanesische Parlamentssprecher Nabih Berri glaubt, dass die russische Regierung, die historische Beziehungen zum Regime in Bagdad unterhielt, bei einer solchen Vereinbarung die Rolle der Geburtshelferin gespielt hat, und dass der "Deal" beim jüngsten Besuch der Nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice in Moskau besiegelt wurde.

Verrat durch die Offiziere?
"Wo war die Führung plötzlich, wo waren die Fedayin Saddam?", fragt der ägyptische Militärexperte Mohammed Ali Bilal im arabischen Fernsehsender Al Jazeera. Er glaubt ebenfalls an eine geheime Vereinbarung. Der vom gleichen Sender befragte ehemalige ägyptische Generalstabschef Saadeddin Shasli, schließt das aus. Er hält einen Verrat durch die Offiziere für wahrscheinlicher.

10.4.2003 15:56