Mittwoch, 9. April 2003

Weiter Rätselraten um Diktator Saddam Hussein

  • US-Truppen durchsuchten Moschee in Bagdad nach Saddam
  • Opposition glaubt: Irakische Regierung hat Bagdad verlassen

Wo ist Saddam Hussein? Lebt er noch? Ist er mit seinem Führungsstab in Bunkeranlagen nahe der Stadt Tikrit geflohen? Oder liegt seine Leiche doch unter zerbombten Trümmern? Niemand kann Antwort auf die brennende Frage nach dem Schicksal des Diktators geben. US-Marines durchstöbern inzwischen auch einzelne Gebäude in Bagdad: Nach einem Feuergefecht durchsuchten die Soldaten eine Moschee nach dem Diktator.

US-Marineinfanteristen haben dem britischen Sender BBC zufolge nach einem Feuergefecht eine Moschee in Bagdad durchsucht, die sie für ein mögliches Versteck von Saddam Hussein hielten. "Die Marineinfanteristen wurden angegriffen, vermutlich von Einheiten der Speziellen Republikanischen Garden, als die Sonne über dem Fluss Tigris aufging", berichtete BBC-Korrespondent David Willis am Donnerstag auf der Website des Senders. Bei dem halbstündigen Gefecht sei ein US-Soldat getötet worden. Nach der Einnahme der irakischen Hauptstadt ist das Schicksal Saddams weiterhin unklar. Die Garden gelten als äußerst loyale Elitetruppen des Präsidenten.

In Bunker nahe Tikrit verschanzt?
"Sie haben sich alle in die Hamrin-Berge und die Gegend rund um Tikrit zurückgezogen", sagte ein Sprecher des in London ansässigen Irakischen Nationalkongresses (INC) der Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch. In der nördlich von Bagdad gelegenen Heimatregion des irakischen Präsidenten Saddam Hussein habe die Regierung Bunker und Waffenverstecke. Solange die führenden Köpfe aber nicht "gefangen oder tot" seien, könne nicht vom Ende der irakischen Regierung gesprochen werden, betonte der Sprecher: "Womöglich planen sie noch einen Überraschungsangriff mit chemischen oder anderen Waffen."

Der Geburtsort des Diktators liegt in der Nähe von Tikrit, rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad. US-geführte Truppen nahmen die Stadt Tikrit massiv unter Beschuss.

Alle zerbombten Bunker müssen durchsucht werden!
US-Experten in Washington gingen davon, dass aber schon in den nächsten Tagen damit begonnen werden könnte, in den Bunkern und Tunneln unter der irakischen Hauptstadt nach Spuren Saddams und seiner engsten Vertrauten zu suchen, die vom Erdboden verschwunden zu sein scheinen.

In den vergangenen 20 Jahren hat der irakische Präsident nach Angaben von Überläufern und Flüchtlingen ein weit verzweigtes System von Zufluchtsorten und Fluchtwegen unter der Erde bauen lassen. Sie sollen zum Teil so weitläufig sein, dass dort bequem Autos fahren können. So schilderte der einstige irakische Wissenschaftler Hussein Shahristani unlängst im US-Fernsehen, dass Saddam nach seiner Kenntnis über ein mehr als 100 Kilometer umfassendes Netzwerk an Tunneln verfüge.

Bei der Konstruktion eines Bunkers in der Nähe von Saddams Palast der Republik am Tigris war der deutsche Wolfgang Wendler Bauleiter. Die "Los Angeles Times" zitierte ihn mit den Worten, die 14 Räume umfassende Katakombe sei in Beton mit Stahlverstärkung eingefasst. Die Wände seien 1,5 Meter dick, die Decke fast zwei Meter, um mächtigen Bombenexplosionen und chemischen Attacken standzuhalten. Über die anderen unterirdischen Anlagen weiß man in den USA wenig. "Das alles ist von einem Schleier des Geheimnisses umhüllt", formulierte es Shahristani, der früher das Atomprogramm im Irak geleitet hat.

Gleichzeitig hält sich in US-Kreisen die vage Hoffnung, dass Saddam nicht mehr lebt und er tot unter einem Trümmerberg im Zentrum von Bagdad gefunden wird. Dort hatten US-Flugzeuge - angeblich nach Augenzeugen-Hinweisen an die amerikanischen Geheimdienst - vier "Bunkerbrecher"-Bomben auf einen Gebäudekomplex mit einem Restaurant abgeworfen, in dem sich Saddam aufgehalten haben soll. Nach US- Angaben könnte es Tage dauern, bis die Trümmerstelle mit einem Riesenkrater im Stadtteil Mansur durchforstet ist.

Kenner des Irak sind indessen skeptisch, dass dort die von den USA gewünschten Hinweise gefunden werden. Nur Saddams engster Zirkel, so argumentieren sie vor allem, sollen überhaupt stets darüber informiert gewesen sein, wo sich der Präsident aufhält. Wer könnte also den Restaurant-Tipp gegeben haben? Ein unbeschwertes Tafeln des Machthabers angesichts der US-Truppenpräsenz in Bagdad gilt diesen Kennern ebenfalls als unwahrscheinlich.

In den USA wird darüber spekuliert, wie die Leiche Saddams identifiziert werden könnte. US-Fernsehen befragten viele Fachleute zu den verschiedenen wissenschaftlichen Methoden. Geheimdienstkreise wurden mit den Worten zitiert, man könne versuchen, "an zahnärztliche Unterlagen heranzukommen", um sie mit etwaigen Zähnen in den Trümmern zu vergleichen. Auch mit Hilfe von Biometrik könnten Analytiker der Identität auf die Spur kommen: Sie könnten Körperteile mit früheren Fotos von Saddam vergleichen.

Am sichersten, so heißt es, wären natürlich DNA-Tests. Aber auch die US-Seite muss da einräumen, dass ihnen kein Haar Saddams, keine benutzte Zahnbürste und auch kein Trinkglas mit Speichel vorliegen - geschweige denn eine Blutprobe. Der Vergleich mit DNA-Proben von engen Verwandten, bevorzugt mütterlicherseits, wäre weniger konkret als ein direkter Vergleich mit einer Probe von Saddam, könnte aber zumindest Aufschluss über die Familienzugehörigkeit geben. Aber auch hier gilt es als wenig wahrscheinlich, dass die USA über derartiges Material verfügen. "Das war bisher nicht unsere Priorität", sagt ein Regierungsbeamter.

Sollte es einen Wettstreit der "Weltbösewichte" um die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit geben, hätte Osama bin Laden schlechte Karten. Der große Auftritt gebührt derzeit allein Saddam Hussein: Alle paar Tage ist der irakische Staatschef mit flammenden Reden im Fernsehen zu sehen. Und er dürfte zumindest noch einige Fäden ziehen. Die Elitetruppen würden zwar noch Befehle erhalten, aber vielfach seien sie nicht mehr in der Lage, diese auszuführen: "Sie sind keine effektive Streitmacht."

Auf die Frage, wie wichtig es sei, Saddam Hussein und seine Söhne auszuschalten, antwortete McChrystal: "So weit sie noch Einfluss haben, wollen wir ihn vermindern."

9.4.2003 08:57