Donnerstag, 10. April 2003

Ein Jahr nach dem Djerba-Attentat bleiben Fragen offen

  • Tourismus-Einbruch in Tunesien seit Djerba-Attentat

Als Nizar Nawar den Gas-Lastwagen vor der ehrwürdigen Ghriba-Synagoge auf Djerba in die Luft jagt, ist er allein mit seinen Opfern. Doch der 24-jährige Tunesier, der den Tod von 21 Menschen verursacht, hat den Anschlag mit tatkräftiger Hilfe von Verwandten, Bekannten und ihm Unbekannten aus dem El-Kaida-Netzwerk vorbereitet. Soviel haben die Ermittlungen ergeben, in Frankreich und Spanien sind Komplizen des blutigen Attentats von 11. April 2002 verhaftet worden. Ein Jahr später bleiben Fragen. Vor allem die Zusammenarbeit der Justizbehörden steht auf dem Prüfstand.

Abgehörte Gespräche mit Satellitentelefonen, Vernehmungen auf Djerba, Festnahmen in Spanien und in jenen französischen Vorstädten, wo nur der Hass zu gedeihen scheint - mühsam haben die Ermittler die Mosaikstücke des Terrors zusammengesucht. Besonders der Pariser Anti-Terror-Richter Jean-Louis Bruguiere erscheint unermüdlich: Mindestens drei Helfershelfer Nawars spürte er in Frankreich auf, zwei mutmaßliche Geldwäscher des El-Kaida-Netzwerkes wurden auf sein Ersuchen in Spanien inhaftiert. Vor einem Monat erließ Bruguiere internationalen Haftbefehl gegen El-Kaida-Chefplaner Khalid Skeikh Mohammed.

Mit Skeikh Mohammed, der als Nummer drei im El-Kaida-Netz gilt, telefonierte Nawar, kurz bevor er den Laster vor die Synagoge lenkte und die Gasflaschen explodieren ließ. Für die Franzosen ist Sheikh Mohammed, der im März in Pakistan festgenommen und den USA übergeben wurde, nicht nur das "Hirn" der Attentate von 11. September 2001, sondern auch der Befehlsgeber von Djerba. Über sein Satellitentelefon sprach Nawar kurz vor Sheikh Mohammed auch mit einem Deutschen: "Ich brauche nur Daawa (den Befehl)", soll er Christian G. ohne weitere Erläuterungen gesagt haben. Den zum Islam konvertierten Duisburger bat er um Allahs Segen.

Nach dem Attentat nahmen die deutschen Behörden Christian G. vorübergehend fest. Für einen Haftbefehl erschienen ihnen die Verdachtsgründe nicht ausreichend. Dies sorgt inzwischen für Ärger: G. soll als hochrangiges El-Kaida-Mitglied Kurierdienste für Terroristenführer Osama bin Laden und Skeikh Mohammed geleistet haben. Am 13. November flog er ungehindert von Amsterdam nach Saudiarabien. Der deutsche Generalbundesanwalt Kay Nehm gab sich machtlos - einen Haftbefehl hatte er nicht. Erst vergangene Woche nahmen die saudiarabischen Behörden G. fest.

Dass G. nach Deutschland abgeschoben wird, gilt als unwahrscheinlich. Die USA haben größtes Interesse an seiner Auslieferung bekundet. Und im vergangenen Jahr erhielt Deutschland von Riad offenbar nicht einmal Antworten auf offizielle Anfragen. Auch mit Tunesien stellte sich die Zusammenarbeit alles andere als einfach dar. Die dortige Regierung schien sich mehr um den Ruf des tunesischen Urlaubsparadieses zu scheren als um die hässlichen Vorwürfe, dem Terror im eigenen Lande nicht Herr zu werden. Lange weigerte sich Tunis, überhaupt von einem Anschlag zu sprechen.

Bei einer Visite vereinbarte der deutsche Innenminister Otto Schily (SPD) am Dienstag mit seinem Kollegen Hedi M'Henni eine "noch engere Zusammenarbeit". Hehre Worte, schließlich scheint es bisher nicht allzu eng zugegangen zu sein. In Tunesien sitzt nun ständig ein Verbindungsmann des Bundeskriminalamtes. Die Bundesanwaltschaft hebt arglos die "gute Kooperation" mit Ermittlern in Frankreich und Spanien zuvor. Von denen habe die Karlsruher Behörde Hinweise bekommen, denen sie auch nachgegangen sei.

Tatsächlich erscheinen die Vorbereitungen des Djerba-Anschlages dadurch klarer: Der in der Nähe von Lyon lebende Walid Nawar organisierte seinem älteren Bruder Nizar das teure Satellitentelefon, Bekannte und Verwandte halfen beim Beschaffen falscher Papiere und dem Transport nach Tunesien. Als Geldbeschaffer gelten zwei Kaufleute aus Spanien und Pakistan, die vergangenen Monat in Spanien inhaftiert wurden. Ganz entworren ist das Netz nicht, zerschlagen schon gar nicht: Derzeit warnen Schily und die Bundesanwaltschaft vor Anschlägen auf deutschem Boden im Schatten des Irak-Kriegs.

10.4.2003 13:44