Web-Tagebücher zeigen viele Seiten des Konflikts
- Blog aus Bagdad zog Zehntausende an
- Seit einer Woche aber keine Einträge mehr
Die Community macht sich Sorgen. Seit einer Woche gibt es keine neuen Einträge mehr im Web-Tagebuch - einem so genannten Blog - von Salam Pax, der über die ersten Bombenangriffe auf Bagdad berichtet hatte. Zehntausende suchten seine Web-Site täglich auf, um Neues zu erfahren. Er ist aber nur einer von vielen, die sich inzwischen des Mittels der Web-Tagebücher bedienen, um Nachrichten und eigene Ansichten über den Golfkrieg zu verbreiten.
Über Salam Pax, dessen Namen auf Arabisch und Latein Frieden bedeuten, ist wenig bekannt. Sein Blog, das in seiner Bagdader Wohnung geschrieben worden sein soll, kritisierte lebhaft die Herrschaft Saddam Husseins und den Angriff der USA auf das Land. "Wieso heißt 'Unterstützt die Demokratie in Irak' plötzlich 'Bombt Irak in die Hölle'? Das undemokratische Irak hat lange Zeit niemanden gestört, und jetzt haben Leute entschieden, uns zur Demokratie zu bomben? Danke, wie fürsorglich."
Salams Blog wurde so populär, dass die Providerfirma kostenlos den Zugang verbesserte, nachdem zahllose E-Mails von Fans und Skeptikern ihn nahezu blockiert hatten. Aber auch das Interesse an anderen Blogs - mehr als eine Million sind es inzwischen - ist mit dem Krieg deutlich gestiegen und hat die Bedeutung der "Blogosphäre" deutlich gemacht. Sie deckt inzwischen alle Themen von der drahtlosen Kommunikation bis zu Sex ab. Kriegsgegner und -befürworter, Soldaten und Journalisten betreiben inzwischen Blogs. Einen Einstieg und Links zu weiteren Blogs finden sich unter anderem bei warblogging.com und warblogs.cc.
Wilde Spekulationen um Salams Herkunft
Aus Salams Blog und aus den Erkenntnissen anderer Blogs und Journalisten geht aber hervor, dass es sich bei ihm wohl um einen 28 oder 29 Jahre alten irakischen Architekten handelt, der viele Jahre in Europa verbracht hat. In Online-Diskussionsforen wird wild spekuliert. Haben die Häscher Saddam Husseins Salam erwischt? Andere weisen daraufhin, dass Angaben zum Beispiel zu den Schäden oder auch den Tomatenpreisen Bagdads zu detailliert seien, um gefälscht zu sein. Andere interessiert diese Frage wiederum gar nicht, für sie sind es menschliche Berichte über einen Krieg, der sonst von Politikern, Militärs und atomlosen Journalisten bestimmt wird.
"Bei den Häusern in der Nähe des Al-Salam-Palasts sind alle Fenster zerbrochen, die Türen eingedrückt, in einem Fall ist ein Dach eingestürzt. Ich vermute, das nennt man 'Kollateralschaden" und ist demnach in Ordnung?", schreibt Salam an einem Tag.
"Salams Beschreibungen vermitteln ein Gefühl der Angst und der Frustration von den Bagdadern, die mit den Preissteigerungen beim Bäcker kämpfen, und der Polizei, die die Ordnung aufrechterhalten will", sagt Andy Carvin, der selbst ein Blog betreibt. "Er ist ein Geschichtenerzähler, der einen Moment in der Geschichte einfängt, damit die Welt ihn miterleben kann. Er vermenschlicht die Erfahrungen des Krieges."
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