Mittwoch, 2. April 2003

Bagdad: Befreier und Befreite

  • Peter Pelinka über das Misstrauen der Iraker

Ex-CIA-Direktor James Woolsey, für die Führung im Irak vorgesehen, spricht vom 4. erfolgreichen Weltkrieg. Diese missionarische Selbstüberschätzung macht Angst.

Während US-Soldaten Bagdad erobern, stehen in den USA drei katholische Ordensfrauen vor Gericht, zwischen 55 und 68 Jahre alt. Sie sind in Colorado in ein Militärgelände eingedrungen und haben eine 3.000-Tonnen-Atombombe mit Hämmern attackiert. Dass sie sich auf ihres Präsidenten Aufruf zur Abrüstung aller Massenvernichtungswaffen beriefen, wird ihnen nichts helfen: Den Nonnen droht eine Verurteilung wegen „Gefährdung der nationalen Sicherheit“, Höchststrafe: 20 Jahre Haft. Viele US-Bürger sind eben konsequent, Kriegstreiber wie Friedensbewegte, kaum zu realpolitischen Kompromissen bereit.

Der Welt droht von fundamentalistischen Pazifisten freilich keine Gefahr. Sehr wohl aber von Weltpolizisten, die gegen religiös-fundamentalistische Terroristen in ähnlichem Geist vorgehen: Es gibt nur Gottesfürchtige und Gottlose (jeweils bezogen auf einen anderen Gott), nur ein Motto: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Diese simple Denkweise eint Bush und Saddam, macht sie aber nicht vergleichbar: Der eine ist Präsident einer bewährten Demokratie, der andere (noch?) das Oberhaupt eines repressiven, blutbefleckten Regimes. Er ist bereits von seinem Thron gestoßen, egal, wie viele Stunden (in Bagdad) oder Tage (im Rest-Irak) der militärische Endkampf noch dauern mag. Man darf ihm keine Tränen nachweinen, wohl aber den Tausenden zerfetzten Zivilisten, verstümmelten Kindern, von Bomben und Granaten terrorisierten Menschen, die ihren Befreiern nicht zujubeln woll(t)en.

Auch viele Österreicher taten das anfangs nicht, als (auch) die Amerikaner ihnen vor 1945 Befreiung und Demokratie versprachen. Sie änderten ihre Haltung bald, weil die erlittene NS-Diktatur tatsächlich die Weltherrschaft anstrebte, einen Angriffskrieg nach dem anderen führte und so jenen Weltbrand entfachte, an dessen Flammen alle europäischen Völker zu verbrennen drohten. Die Legitimität des Feldzuges gegen Hitler & Co war unbestritten, jene des Vorgehens gegen Saddam (seine größten Schandtaten liegen, lange auch von den USA gebilligt, Jahre zurück, es gibt keine Beweise für seine Verbindung mit Al Kaida) bis heute nicht, schon gar nicht ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen sein Land. Man versteht, warum die meisten Befreiten Befreiern ebenso misstrauen wie dem abtretenden Regime.

Komplett versteht man das große Misstrauen der restlichen Welt gegen die Supermacht USA, wenn man eine Rede eines CIA-Direktors liest, der eine führende Rolle in der Nachkriegsordnung des Iraks spielen soll. Am 2. April hat James Woolsey den Irak-Krieg in eine „historische Perspektive“ gestellt. Vom „vierten Weltkrieg“ ist da die Rede, davon, dass Amerika dazu nun nach bisher drei gewonnenen (der dritte war der „kalte“) rüste, „zum vierten Mal in 100 Jahren aufwacht zum Kampf zwischen Freiheit und Tyrannei“. Diese missionarische Selbstüberschätzung macht Angst. Dagegen gibt es – neben der Hoffnung auf eine Abwahl der jetzigen Administration – nur ein Mittel: eine Stärkung der UNO. Und parallel eine Stärkung Europas.

2.4.2003 15:54