Sonntag, 6. April 2003

Duisenberg bleibt Chef der Europäischen Zentralbank

  • Krieg bringt noch keinen finanzpolitischen Handlungsbedarf
  • Tumpel-Gugerells Aussichten auf EZB-Direktorium stehen gut

Wim Duisenberg bleibt bis zur Bestellung seines Nachfolgers Chef der Europäischen Zentralbank (EZB). Das entschieden die EU-Finanzminister am Wochenende bei ihrem informellen Treffen in Vouliagmeni bei Athen. Der Niederländer, der am 9. Juli anlässlich seines 68. Geburtstages zurücktreten wollte, sagte seinen Verbleib zu, will sich aber nicht mehr darüber äußern, wie lange seine Amtszeit nun dauern könnte. Duisenbergs Nachfolger soll der Franzose Jean-Claude Trichet werden, der aber wegen eines gegen ihn laufenden Gerichtsverfahrens vorerst nicht offiziell nominiert werden kann.

Sehr gute Aussichten, in das sechsköpfige Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) einzuziehen, hat seit Samstag die OeNB-Vizegouverneurin Gertrude Tumpel-Gugerell: Elf von zwölf Finanzministern der Eurozone unterstützen ihre Kandidatur für den Posten, sagte Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Belgien hielt aber an seinem Gegenkandidaten Paul de Grauwe fest, so dass die nötige Einstimmigkeit vorerst nicht erzielt wurde. Grasser sprach von einem "großen Erfolg" und "wichtigen Schritt" für Österreich. OeNB-Gouverneur Klaus Liebscher geht davon aus, dass Tumpel-Gugerell dennoch rechtzeitig am 1. Juni die Nachfolge der Finnin Sirkka Hämäläinen antreten wird können.

Die EU-Finanzminister berieten die konjunkturelle Lage vor dem Hintergrund des Irak-Krieges. Viel hänge von der Dauer des Krieges ab, unmittelbarer akuter Handlungsbedarf bestehe aber nicht, so die Meinung der Minister. Das Wort "Rezession" habe niemand in den Mund genommen, berichtete Liebscher. Die Minister wiesen darauf hin, dass es vorerst keinen radikalen Anstieg der Ölpreise gegeben habe, es zeichne sich auch keine Deflation ab. Auch hingen nicht alle konjunkturellen Probleme in der EU am Krieg. Insbesondere müsse man das Vertrauen der Verbraucher und Investoren wieder herstellen, betonte der griechische Finanzminister und amtierende Ratspräsident Nikos Christodoulakis.

Im Zusammenhang mit dem Irak stehe nun an erster Stelle humanitäre Hilfe, unmittelbar dahinter folgten Überlegungen über den Wiederaufbau des Landes, sagte Christodoulakis. Über den Wiederaufbau gab es eine erste Diskussion der Finanzminister, für Entscheidungen sei es aber noch zu früh, befanden die Ressortchefs.

6.4.2003 10:02