Sonntag, 6. April 2003

Selbstmordanschlag in Bagdad laut CNN verhindert

  • Nach Mosul nun Saddam-Heimat Tikrit im Visier
  • BILDER: Der symbolische Sturz des Diktators (siehe Kasten)

Der Irak droht im Chaos zu versinken. Nach dem raschen Vormarsch der Amerikaner und dem Niedergang des irakischen Widerstands breitete sich am Freitag Anarchie aus. In großen Städten wie Bagdad und Mosul klagten Menschen, weder Soldaten noch Sicherheitskräfte sorgten für Ordnung. In der Hauptstadt brach nach Angaben des Roten Kreuzes die Gesundheitsversorgung weitgehend zusammen. Niemand kümmere sich mehr um die Verletzten und Toten. Und die Bevölkerung plündert, was es zu plündern gibt: Zuletzt wurden zwei Luxushotels und die wertvolle Sammlung des archäologischen Museum geplündert.

Amerikanische Soldaten haben am Freitag in Bagdad nach Meldungen des US-Senders CNN einen neuen Selbstmordanschlag auf die dort patrouillierenden Truppen verhindert. Sie hätten ein mit Sprengstoff gefülltes Auto gestoppt. Am Donnerstagabend waren vier amerikanische Soldaten bei einem Selbstmordanschlag verletzt worden. Ein CNN-Reporter berichtete, die US-Soldaten hätten außerdem zwei Werkstätten zur Herstellung von Material für Selbstmordanschläge und Sprengfallen entdeckt. Dort sei unter anderem Kinderspielzeug mit Sprengstoff gefüllt worden.

Krankenversorgung zusammengebrochen
In Bagdad seien die Krankenhäuser nach Plünderungen geschlossen worden, Patienten seien geflüchtet oder sich selbst überlassen, teilte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) am Freitag in Genf mit. Steigende Temperaturen und eine immer schlechtere Versorgung mit Wasser und Strom erhöhten das Seuchenrisiko.

In Mosul plünderten bewaffnete Banden und einfache Bürger zu Hunderten alle staatlichen Gebäude, darunter den Präsidentenpalast und Krankenhäuser. Der arabische Sender Al Jazeera zeigte Bilder von Menschen, die Möbel, Computer und sogar Busse vom Gelände der Universität Mosul stahlen. Andere zogen mit geraubten Rennpferden davon. In Bagdad entwendeten zwei Männer einen kompletten Operationstisch. In der südirakischen Metropole Basra erschossen britische Soldaten nach Militärangaben fünf bewaffnete Bankräuber, die auf die Soldaten geschossen hatten. Insgesamt normalisiere sich die Lage in Basra jedoch, teilte die britische Militärführung mit.

Britische und US-Truppen setzen nach Angaben der Regierung in London alles daran, angesichts der Plünderungen Recht und Ordnung im Irak wiederherzustellen. Trotz chaotischer Situationen nach dem Sturz des Regimes seien genügend britische Soldaten in der Region, um die ihnen gestellten Aufgaben zu erfüllen, verteidigte der britische Außenminister Jack Straw die bereits begonnene Truppenverringerung am Persischen Golf. Angesichts der anarchischen Zustände in irakischen Städten forderte UN-Untergeneralsekretär Shashi Tharoor die Invasionstruppen auf, für Ordnung zu sorgen. "Nach dem Völkerrecht liegt die Verantwortung für den Schutz von Zivilisten in einer militärischen Auseinandersetzung bei den Krieg führenden Parteien", sagte er in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit "Spiegel Online".

Zwei Luxushotels in Bagdad angezündet und geplündert
Plünderer haben sich am Freitag in Bagdad über die beiden renommiertesten Hotels der Stadt hergemacht. Wie AFP-Korrespondenten berichteten, standen das Rashid- und das Mansour-Hotel in Flammen, ebenso ein staatliches Geschäft gegenüber vom Mansour-Hotel. Plünderer durchbrachen die Umzäunung des Rashid-Hotels und luden Teppiche, Fernseher und Möbel in etwa 15 auf dem Parkplatz wartende Fahrzeuge. Überall in der Stadt gab es Plünderungen, die meist an den Rauchsäulen über den Gebäuden zu erkennen waren. Dutzende Plünderer wurden verletzt, als Händler ihre Läden mit Schusswaffen und Eisenstangen verteidigten.

Plünderer machen sich über archäologisches Museum her
Plünderer haben sich am Freitag in Bagdad über Iraks größtes archäologisches Museum hergemacht. Wie ein AFP-Reporter berichtete, räumte ein Dutzend Plünderer ungestört zahlreiche Gegenstände ab. Mehrere antike Tongefäße und Statuen gingen zu Bruch, Büroräume wurden vollkommen zerstört. Das Irak-Museum beherbergt Funde von den wichtigsten Ausgrabungsorten Mesopotamiens, das als Wiege der Menschheit gilt.

Tikrit im Fadenkreuz der US-Soldaten
Auch am 23. Kriegstag fehlte von Saddam Hussein jede Spur. Dessen Geburtsstadt Tikrit nahmen die Amerikaner als letzte Bastion des bisherigen Regimes ins Visier. Sie bombardierten Ziele in und außerhalb der Stadt. Zuvor war auch die Erdölstadt Mosul im Norden gefallen. "Mosul und Kirkuk sind gefallen", sagte eine US-Armeesprecherin am Freitag im US-Zentralkommando in Katar. Der Widerstand regulärer irakischer Truppen sei fast völlig erlahmt, berichtete CNN. Nach Angaben des türkischen Außenministers Abdullah Gül begannen die Kurden mit ihrem angekündigten Rückzug aus Kirkuk. Auch aus Mosul würden die kurdischen Peshmerga "so bald wie möglich" abziehen. Spekulationen zufolge könnte es in Tikrit zu einem letzten größeren Gefecht mit Saddam-Getreuen kommen. Auch der entmachtete Saddam Hussein wird von einigen Militärexperten dort vermutet.

55 irakische Führungspersonen 'steckbrieflich' gesucht
Das US-Oberkommando veröffentlichte eine Liste mit 55 irakischen Führungspersonen, unter ihnen Saddam, derer man "tot oder lebendig" habhaft werden wolle. Viele von ihnen versuchten, aus dem Irak zu fliehen, sagte ein Sprecher. US-Soldaten übernahmen die Sicherung des Grenzüberganges vom Irak nach Jordanien.

Zwei Kinder von US-Soldaten getötet
An einem Straßenkontrollpunkt in der zentralirakischen Stadt Nasariya beschossen US-Soldaten nach Meldungen des britischen Senders BBC ein Zivilfahrzeug und töteten dabei zwei Kinder. Der Zwischenfall wurde von einem US-Sprecher bestätigt. Die Soldaten hätten an einen Selbstmordangriff geglaubt, weil der Autofahrer nicht angehalten habe.

6.4.2003 07:19