Samstag, 5. April 2003

Irakische Deserteure berichten von Exekutionen

  • Hunger und Angst vor Hinrichtungen treiben zur Flucht
  • DIE BILDER: Saddam zeigt sich auf Straßen Bagdads (Kasten)

Irakische Deserteure, die nach der Flucht von ihren Truppeneinheiten nun im Kurdengebiet im Nordirak festgehalten werden berichten nach Angaben der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" von Exekutionen. Eigene Erschießungskommandos würden Soldaten nach einem Fluchtversuch öffentlich hinrichten, während ihre Kameraden zusehen müssten.

Mitarbeiter von "Human Rights Watch" halten sich derzeit im Kurdengebiet im Nordirak auf und haben mit gefangenen Deserteuren gesprochen. Demnach berichteten mehrere Iraker dass ihnen ihre Offiziere mit Exekution im Fall von Flucht gedroht hätten. Es gebe Erschießungskommandos, die aus Mitgliedern der regulären Streitkräfte und des Geheimdiensts gebildet worden seien. Ein Soldat habe am 26. März einer Hinrichtung von zehn Kameraden beiwohnen müssen, denen versuchte Desertion vorgeworfen wurde. Die Männer seien einer nach dem anderen erschossen worden und dann auf einem Hügel zur Abschreckung zur Schau gestellt worden. "Das passiert mit allen, die ihre Nation betrügen", habe ein Kommandant erklärt.

Irakische Soldaten schlecht versorgt
Weiters berichteten die Deserteure von der schlechten Versorgung im Feld. Oft hätten sie nur altes Brot und Reis bekommen, meistens auch nur ein bis zwei Mahlzeiten pro Tag. Wenn der Hunger zu groß geworden sei habe er Gras mit Wasser gemischt und gegessen, so ein Rekrut laut Angaben der Menschenrechtsorganisation. Die Soldaten klagten auch über schlechte Bezahlung von umgerechnet rund zwei US-Dollar pro Monat, einige hätten mehrere Monate gar keinen Sold erhalten. Mehrere berichteten auch über Schläge und Misshandlungen durch Vorgesetzte. Sie seien gezwungen worden trotz schweren Bombardements der alliierten Streitkräfte aus der Luft in ihren Stellungen zu bleiben.

Überlaufen, um zu überleben
Um zu überleben, hätten sich die Soldaten zur Desertion ins Kurdengebiet entschlossen. Die meisten seien in kleinen Gruppen in der Nacht geflüchtet und zu Fuß in kurdische Dörfer gegangen. Obwohl ihre Offiziere sie vor der Rache der Kurden gewarnt hatten, seien sie von den Peshmergas, den kurdischen Kämpfern, gut aufgenommen worden. In Arbil (Erbil) seien sie von Kurden und von US-Streitkräften befragt worden und dann in ein Zeltlager in Merga Sur an der Grenze zur Türkei gebracht worde. Dort werden sie nach Angaben von Human Rights Watch vom World Food Program (WFP) mit Nahrungsmitteln versorgt und helfen beim weiteren Aufbau des Lagers mit.

130 Deserteure im Nordirak
Laut der Menschenrechtsorganisation befinden sich derzeit etwa 130 irakische Deserteure unter Kontrolle der Kurdisch-Demokratischen Partei (KDP) in der Provinz Arbil im Nordirak. Die meisten davon seien beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) registriert. Human Rights Watch fordert, dass alle irakische Deserteure als Kriegsgefangene gelten und nach den Regeln der Genfer Konvention behandelt werden müssen. Da sich die Kurden offiziell unter die Gewalt der US-Streitkräfte gestellt hätten, gälten sie auch als Kriegspartei. Irakische Deserteure in Gewalt der Kurden müssten die selben Rechte erhalten, welche auch irakischen Kriegsgefangenen in Gewalt der alliierten Streitkräfte zustehen.

5.4.2003 08:36