Mittwoch, 2. April 2003

Reiter: USA haben Krieg mit Sicherheit nicht geplant

  • Österreichischer Sicherheitspolitik-Experte: "Deutsch-französische Achse hat US-Drohkulisse Wirkung genommen"

Die USA haben den Krieg gegen den Irak "mit Sicherheit" vorher nicht geplant. Dies erklärte der Beauftragte für Strategische Studien im Verteidigungsministerium, Sektionschef Erich Reiter, am Mittwoch anlässlich der Präsentation des Buches "Perspektiven der globalen strategischen Entwicklung" in Wien. "Die Bush-Administration hat sich dermaßen in Worten verfangen, dass sie Krieg führen musste", erklärte Reiter. Die deutsch-französische Achse habe mit ihrer Haltung gegen den Krieg bewirkt, dass die amerikanische Drohkulisse nicht gewirkt habe.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 hätten einen Krieg gegen den Irak erst möglich gemacht, so Reiter. Wahrscheinlich hätte jede andere amerikanische Regierung auch den Krieg angedroht oder auch geführt. Reiter ortet keine Interessenunterschiede zwischen der Administration von US-Präsident George W.Bush und seinem Vorgänger Bill Clinton. "Nur die Gestik und Wortwahl sind anders." Die UNO bezeichnete Reiter nach wie vor als eine der "bedeutendsten Errungenschaften der Menschheit". Im Irak-Krieg habe sich jedoch gezeigt, dass die Mitglieder nicht wollten, dass sie stark sei. "Die Zusammensetzung der Mitglieder ist vielleicht nicht ideal gewesen."

Im Gegensatz zu manchen Kritiken befinde sich Nordkorea sehr wohl im Brennpunkt Washingtons, sagte Reiter. "Niemand würde sich jedoch wünschen, Krieg zur Entwaffnung gegen Nordkorea zu führen", merkte er an. Der Atomkrieg sei nicht nur möglich, sondern auch realistisch geworden. Die Zahl der Atomwaffen und ballistischen Raketen würde weltweit steigen, was zur Aufrüstung führe. Die USA würden im Irak mit der Abrüstung beginnen und hätten im vergangenen Jahr einen Krieg zwischen den zwei Atommächten Pakistan und Indien verhindert, so Reiter.

Anhand von strategischen Dreiecken, die die Auswirkung von Beziehungen zwischen jeweils zwei Staaten auf einen dritten ausdrücken, demonstrierte Reiter, wie sich seit der Entkolonialisierung auf regionaler Ebene die Akteure vervielfältigt hätten und dabei Europa an Bedeutung verloren habe.

Europa habe verabsäumt, angesichts neuer Gegebenheiten neue Prioritäten zu setzen, kritisierte Reiter. Während die USA etwa pro Soldat 74.000 Dollar ausgeben würden, seien es in Europa lediglich 22.000 Dollar. Als bedenklich bezeichnete Reiter, dass auf der Weltrangliste der stehenden Streitkräfte das erste europäische Land, Frankreich, sich lediglich auf Platz 20 befinde. Aber auch im Bildungsbereich finde eine langsame Machtverschiebung von Europa in Richtung Asien statt, wie Reiter das an einem Vergleich zwischen Deutschland und den Philippinen veranschaulichte.

2.4.2003 14:02