Dienstag, 1. April 2003

Heimische Militärs: US-Planungsfehler im Irak-Krieg

  • "USA müssen gewinnen, der Irak braucht nur nicht verlieren"

"Die USA müssen gewinnen, der Irak braucht nur nicht verlieren", erklärte der Generalsekretär der Österreichischen Offiziersgesellschaft Oberst Walter Feichtinger in der Stiftskaserne in Wien. Der Erfolgsdruck im Irak liege eindeutig bei den USA und ihren Alliierten. Der Erfolg lasse sich aber nicht so schnell einstellen, wie dies von den Militärstrategen erwartet wurde. "Zweifellos ist hier einiges fehlgelaufen", analysiert der Offizier. An der militärischen Front habe es "US-Planungsfehler" gegeben. Besonders im Bereich Aufklärung.

Der Irak-Krieg sei ein "Mehrfrontenkrieg", sagte Feichtinger. An der politischen "Front" stehe weiterhin die Suche nach Verbündeten im Vordergrund. Washington hatte angekündigt, dass mittlerweile 48 Staaten der "Koalition der Willigen" angehörten und dass Länder wie Tschechien, die Slowakei, Rumänien, die Ukraine und Bulgarien Truppen entsenden würden. Problematisch seien aus US-Sicht die Haltung der Türkei, der arabischen Staaten und die divergierenden Vorstellungen über eine Nachkriegsordnung im Irak. "Äußerst negativ ist auch die nach außen gezeigte volle Führungsfähigkeit des Irak."

Iraksiches Selbstbewusstsein
Das "offensichtliche irakische Selbstbewusstsein" schade der psychologischen Front der USA. Denn: "Der Erfolgsdruck liegt auf Seiten der USA", diese bräuchten "einen raschen Erfolg", so Feichtinger. Iraker, die sogar aus dem Ausland zurückkehrten, um für ihr Land und damit auf Seiten des Diktators Saddam Hussein zu kämpfen, "hat man so nicht erwartet". Laut Feichtiger sei auch das so genannte "friendly fire" ein psychologisches Problem, weil es das Gefühl vermittle: "Die erschießen sich ja selber." Militärisch sei dies aber kaum zu verhindern. "Damit hat man zu rechnen."

Auch hochtechnologische Waffensysteme könnten nicht erklären, "wie sich das Gegenüber verhalten wird", erklärte Feichtinger. Die USA sei davon ausgegangen, dass die irakische Truppen überlaufen würden und die irakische Gesellschaft die US-Soldaten als die großen Befreier feiern würden. Das "Gesetz des Handelns" liege aber nach wie vor in den Händen der USA, und der Irak sei in der Defensive. Allgemein gelte: "Das Militär hat den Vorgaben der Politik zu folgen."

Planungsfehler bei Logistik
Planungsfehler habe es auch bei der Logistik gegeben. Die Versorgung mit Truppen, Geräten, Treibstoff, Wasser und Essen erfolge per Schiff und aus der Luft, erläutert Major Philipp Eder. Es gebe nur eine große Versorgungsbasis in Kuwait, doch "die Häfen in Kuwait sind am Limit". Sie entwickelten sich damit zum "Nadelöhr". Der "rasche Vormarsch" vom Süden des Irak in Richtung Bagdad in den ersten Kriegstagen sei zwar eine "militärisch gute Leistung". Allerdings zeigte sich Eder erstaunt darüber, "dass die Truppen vorne kein Wasser haben". Wichtig sei, dass die Soldaten das Gefühl haben, "dass das gut läuft". Sonst würden sie an ihrem Einsatz zu zweifeln beginnen.

Gute Versorung psychologisch wichtig
Auch Herrespsychologe Ernst Frise betonte: Vertrauen ist die Bedingung für die psychische Einsatzbereitschaft der Soldaten. Vertrauen müsse es in sich selbst, in das Team, in die militärische und politische Führung sowie in die Versorgung geben. Dabei gehe es nicht nur um die Befriedigung von Grundbedürfnissen. "Jemand, der seinen Kopf hinhält, erwartet, dass er besonders gut versorgt wird."

Durch Kampfhandlungen würde auch zivile Infrastruktur beschädigt, wodurch es zu "dramatischen Versorgungsengpässen" komme, erklärte Oberstleutnant Georg Rosenmayr die Auswirkungen auf die humanitäre Lage. Ein Beispiel sei die südirakische Stadt Basra, wo es Probleme mit der Wasserversorgung und der Kanalisation gebe, wodurch wiederum die Seuchengefahr steige. Eine weitere Kriegsfolge sei, dass viele Menschen ihre Wohnungen verlassen und zu Migranten im Irak werden. Nach Schätzungen des UNO-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) sollen dies mehrere 100.000 sein.

Warnung vor Selbstmordattentätern
Feichtinger warnte vor Selbstmordattentätern. "Die Zahl von 4.000 ist hier zu hinterfragen", denn dies sei Teil der irakischen Propaganda. Alarmierend seien aber die Reaktionen darauf. Der deutsche Innenminister Otto Schily etwa hat vor Terrorattacken gewarnt, Italien verhängte den Ausnahmezustand. Und schließlich gebe es noch immer die Befürchtung, dass weitere Ölfelder in Brand gesteckt werden. Bisher hätten etwa 20 Ölquellen gebrannt. Die Brände rund um die Hauptstadt Bagdad sollten dazu dienen, die Sicht zu beeinträchtigen, sagte Feichtinger.

1.4.2003 15:05