Montag, 31. März 2003

"Kriegsrabatt" für Türkei-Touristen

  • Türkei: Irak-Krieg bringt Probleme für Fremdenverkehrsbranche

An den Stränden der Türkei könnte es in diesem Sommer so leer sein wie schon lange nicht mehr. Der Krieg im Nachbarland Irak hat schon jetzt viele Urlauber aus Westeuropa verschreckt. Die türkische Tourismusbranche, die mit der Erwartung zweistelliger Zuwachsraten ins laufende Jahr gestartet war, verzeichnet nun plötzlich Stornierungen bereits gebuchter Reisen und einen deutlichen Rückgang bei den Neu-Buchungen. Einige Hotels sind so leer, dass sie bis Juni ganz geschlossen bleiben müssen. Andere Unternehmen versuchen, die Urlauber mit besonders billigen Preisen zu locken: "Kriegsrabatt" für Türkei-Touristen.

Allein in der Gegend zwischen Cesme und Bodrum an der türkischen Ägäis-Küste verzeichneten die Hoteliers bereits 80.000 Stornierungen
- die Touristen fahren nun lieber nach Spanien oder nach Griechenland. Vural Öger, der Chef des größten Anbieters von Türkei-Reisen in Europa, Öger Reisen, spricht von einem Einbruch in der Größenordnung von 90 Prozent im Tagesgeschäft seit Kriegsbeginn. "Wir funken SOS", sagt Basaran Ulusoy, der Chef des türkischen Reisebüroverbandes TÜRSAB. Nur ein schnelles Kriegsende könnte die Saison noch retten, glauben Branchenvertreter.

Auch Zeynep Demir, Direktorin des "Alba Resort Hotels" in Manavgat bei Antalya, hofft inständig auf ein baldiges Ende der Kämpfe im Nachbarland. "Die Touristen warten im Moment ab", sagt Demir, die nach eigenen Angaben in den ersten Monaten des Jahres deutlich weniger Buchungen erhalten hat als in normalen Jahren. Besonders die Österreicher, die Schweizer und die Deutschen seien zurückhaltend, sagt sie. Für April, Mai und Juni bietet das "Alba" wie viele andere Häuser auch Spezialpreise an, die noch unter den ohnehin relativ billigen Preisen für die Vorsaison liegen. Im Juli, hofft Demir, ist in Irak dann alles vorbei - und dann kann die Saison in der Türkei richtig beginnen.

Darauf zählt auch Hüseyin Baraner, der Generalsekretär des türkischen Reiseveranstalterverbandes. "Wir müssen jetzt mit einer sehr hässlichen Zeit kämpfen", sagt er. Bis zum Tag des Kriegsbeginns am 20. März war die Türkei die große Gewinnerin unter den europäischen Urlaubsländern: Im Vergleich zum letzten Jahr, das seinerseits bereits alle Rekorde brach, schossen die Buchungen je nach Herkunftsland der Touristen zwischen acht und 32 Prozent nach oben. Dann kam der Krieg, und die Buchungen brachen von einen Tag auf den anderen ein. "Wie mit dem Messer abgeschnitten", sagt Sinan Babila vom türkischen Hotelverband in einem Zeitungsinterview zehn Tage vor Kriegsausbruch.

Einige Branchenvertreter geben die Monate April und Mai schon ganz verloren. Einnahmerückgänge von fünf Mrd. Euro werden in diesem Jahr insgesamt erwartet. Wenn der Krieg nicht spätestens bis Ende April vorbei sei, könne die Türkei die ganze Saison 2003 vergessen, sagen Unternehmer.

Schon vor Kriegsbeginn spürten einige Reiseveranstalter die Folgen der Irak-Krise. Der DeTur-Direktor Firuz Baglikaya berichtete schon Anfang März, er habe die Preise drastisch senken müssen: "Die 700-Euro-Ferienprogramme verkaufen wir jetzt für 500", sagte er in Je länger Amerikaner und Briten brauchen, um Bagdad zu erobern, Saddam Hussein zu entmachten und den Irak zu befrieden, desto schlechter werden die Aussichten für die Hotels in der Türkei.

Gleichzeitig steigt aber für die Urlauber in Österreich und anderswo die Wahrscheinlichkeit, mehr Schnäppchen zu finden als in anderen Jahren. So dürften in dieser Saison mehr attraktive Last-Minute-Angebote aus der Türkei in den österreichischen Reisebüros landen. Viele Unternehmer glauben an die Notwendigkeit von Preissenkungen, denn das Ziel des türkischen Fremdenverkehrssektors, in diesem Jahr mit 15 Millionen Touristen einen neuen Rekord aufzustellen, rückt mit jedem neuen Kriegstag noch ein Stück weiter in die Ferne. Das ist schlecht für die türkischen Touristik-Unternehmer - aber mancher Urlauber, der seine Ferien trotz des Kriegs in der Türkei verbringt, könnte der Krise auch ihre guten Seiten abgewinnen.

31.3.2003 15:31