Krieg gegen Saddam: Im Inferno von Bagadad
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Die erste Woche zeigt: Der Feldzug des George Bush wird kein Blitzkrieg. Jetzt beginnt die entscheidende Schlacht um Bagdad. NEWS berichtet aus der umkämpften Stadt.
Mit der Dunkelheit kommen die Luftangriffe. „Shock and awe“ (Schock und Furcht) haben die Amerikaner den Bombenhagel genannt. Ein passender Name. Um 20.06 heulen die Luftschutzsirenen – ein durchdringender, an- und abschwellender Ton. Dann feuert die irakische Flugabwehr in die Nacht. Vom Fenster des Hotel Meridien-Palestine aus sehen wir rote Pünktchen in den Himmel schießen. Weit entfernt sind erste Detonationen zu hören. Um 20.48 Uhr die zweite Angriffswelle. Wieder feuert die Flak in den Himmel. Dann kommen die Einschläge plötzlich näher. Sieben gleißende Blitze tauchen den Himmel in glühendes Orange. Die Einschlagstellen liegen ein bis zwei Kilometer in südwestlicher Richtung. Die Bomben gelten dem Regierungsbezirk. Rauchsäulen steigen 200 Meter in den Himmel. Dann drei weitere Detonationen. Wieder orangerote Blitze, wieder Rauchsäulen, die aussehen wie Mini-Atompilze. Kurz danach – Schall ist langsamer als Licht – eine gewaltige Explosion, die unsere Fenster sichtbar nach innen drückt. Ein Gebäude steht lichterloh in Flammen.
Bis 21.02 zählen wir 17 Einschläge. Eine gewaltige Staub- und Rauchwolke liegt über dem bombardierten Stadtteil am anderen Tigrisufer, unmittelbar gegenüber unserem Hotel. Wir hören die heulenden Sirenen der Einsatzfahrzeuge. Die Wolke aus Rauch und Staub driftet langsam nach Südost.
Eine halbe Stunde später die nächste Angriffswelle. Es sind Cruise-Missiles. Wir erkennen das an dem Geräusch: Zuerst das typische Zischen. Dann der Blitz am Horizont. Zuletzt, zeitverzögert, die Detonation.
Während draußen Bomben im Minutentakt einschlagen, zeigt das Fernsehen Bilder des Führers: Saddam Hussein reitet auf einem Schimmel durch den aus gekreuzten Schwertern gebildeten Triumphbogen am Paradeplatz. Militärische Marschkolonnen, patriotische Musik, jubelnde Massen. Und immer wieder Saddam Hussein, der von Sieg und Ruhm spricht, Allah als Helfer beschwört. Die Bilder sollen vor allem eines zeigen: Der Staatschef hat die amerikanischen Angriffe überlebt.
Kein Wort von den Bombardements und den Folgen, kein Wort über den Kriegsverlauf. Wenn sich die Iraker informieren wollen, müssen sie den arabischen Dienst der BBC oder Radio Monte Carlo hören. Um 23 Uhr endlich der einminütige Dauerton – Entwarnung.
Am Morgen besuche ich die routinemäßige Pressekonferenz im Informationsministerium. Über der Stadt liegt der Nebel des Krieges. Die beißende Luft lässt das Atmen zur Qual werden. Den Hotelangestellten, der durch den mit Palmen bepflanzten Garten schlendert, scheint der Krieg kaltzulassen. Prüfend blickt er Richtung Tigris: Die Paläste stehen noch.
Vor dem Informationsministerium treffe ich Hassan, Saif und Bashir, drei kleine Buben, die sich mit Schuheputzen Geld verdienen. Hier machen sie das Geschäft ihres Lebens. Mit Handzeichen deuten sie auf die Füße der Passanten. Als „Sahafi“ (Journalist) sollte man mit geputzten Schuhen ins Ministerium gehen, soll das heißen. Bis vor kurzem hatten sie ihren Standort vor dem Hotel Meridien-Palestine oder dem netten kleinen Hotel Al Fanar an der Abu-Nawas-Straße. Aber hier, wo jeder Journalist zumindest einmal am Tag auftaucht, ist das Geschäft am besten, meint einer der Zehnjährigen.
Aus dem Ticker vor dem Büro der Deutschen Presseagentur im irakischen Informationsministerium kommt gerade die Meldung: Saddam Hussein lobt Kopfprämien aus: 50.000.000 Dinar (20.000 Euro) für einen gefangenen Soldaten oder Piloten, 25.000.000 Dinar (10.000 Euro) für einen getöteten Soldaten oder Piloten, 10.000.000 Dinar (4.000 Euro) für eine abgeschossene Cruise-Missile oder ein abgeschossenes Flugzeug.
Im Konferenzraum tritt Mohammed Al Sahaf, ein bebrillter Bürokrat mit dem für irakische Offizielle typischen Schnauzbart, vor die Presse. Vor einem von zwei irakischen Fahnen gerahmten Bild Saddam Husseins erläutert er temperamentvoll die irakische Version dieses Krieges. Briten und Amerikaner seien „eine Bande von Mördern und Verbrechern“ und „Aussätzige der Staatengemeinschaft“. Dann zeigt er Fotos von verletzten Zivilisten. Die von den USA gemachten Kriegsgefangenen sind für ihn „gekidnappte Zivilisten, die man in Uniformen gesteckt hat“. Den Vormarsch der Feinde hält er für „gestoppt“. Welche Gebäude wurden getroffen, wollen wir wissen. „Ein Palast, der als Gästehaus gedient hat und ausschließlich friedlichen Zwecken gewidmet war“, antwortet Al Sahaf. „Haben Sie in den vergangenen zwei Tagen den Präsidenten gesehen?“ „Die nächste Frage.“ „Das ist doch wichtig. Haben Sie ihn …?“ „Stellen Sie vernünftige Fragen!“
Thomas Seifert, Bagdad
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