Freitag, 28. März 2003

Serbien: Leiche von Ex-Präsidenten Stambolic entdeckt

  • Ziehvater von Milosevic im August 2000 gekidnappt
  • BILDER: Das Djindjic-Attentat, die Trauer, das Portrait

Die sterblichen Überreste des ehemaligen serbischen Präsidenten Ivan Stambolic sind in der Nacht auf Freitag in einer Grube auf dem Berg Fruska Gora in der Nähe von Novi Sad gefunden worden. Dies teilte der serbische Innenminister Dusan Mihajlovic am Freitag in Belgrad mit. "Wir wissen jetzt, dass ihn vier Angehörige der Einheit für Spezialoperationen ("Rote Barette") entführt, auf den Berg Fruska Gora gebracht, ihn dort mit zwei Kugeln liquidiert und in eine bereits vorbereitete Grube mit ungelöschtem Kalk begraben haben", sagte Mihajlovic.

Stambolic war am 25. August 2000 beim Joggen in der Nähe seines Hauses in Belgrad entführt worden. Seitdem fehlte von ihm jede Spur. Jetzt, im Rahmen der breit angelegten Suche nach den Mördern des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic, wurde die Leiche von Stambolic gefunden. Die Frau des Ex-Präsidenten hatte schon im Jänner dieses Jahres erklärt, dass die "Roten Barette" hinter der Entführung ihres Mannes stecke.

"Legija" noch immer flüchtig
Bereits am Dienstag hatte die Polizei den mutmaßlichen Mörder des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic verhaftet. Es handelt sich um den stellvertretenden Kommandanten der "Roten Barette", Zvezdan Jovanovic. Und erst am Donnerstag hatte die Polizei zwei Bosse der Zemun-Mafia bei einer bewaffneten Auseinandersetzung etwa 30 km südlich von Belgrad erschossen. Wie die Polizei mitteilte, hätten Dusan Spasojevic "Siptar" und Mile Lukovic "Kum" Widerstand geleistet. Der Anführer der Zemun-Mafia und ehemalige Kommandant der "Roten Barette", Milorad Lukovic "Legija", ist noch immer flüchtig. Legija gilt als Hauptverdächtiger für die Planung und Durchführung des Attentats auf Djindjic.

Zwielichtiger Geschäftsmann lieferte Hinweise
Wertvolle Hinweise dürfte die Polizei wohl vom zwielichtigen Belgrader Geschäftsmann Ljubisa Buha erhalten haben, der die Mafia-Gruppe aus dem Belgrader Vorort Zemun zahlreicher Morde und Entführungen beschuldigte. Ende Jänner brachte er den Zemun-Clan auch mit der Entführung von Stambolic in Verbindung. Direkt verantwortlich machte er dafür "Legija". Die Namen der Mörder von Stambolic wollte Mihajlovic zunächst nicht nennen. Die vier Angehörigen der "Roten Barette" seien aber verhaftet. Im Gefängnis ist auch schon seit Februar 2001 der damalige Chef des Staatssicherheitsdienstes Rade Markovic, unter dessen Verantwortungsbereich die Einheit stand.

"Klarer politischer Hintergrund"
Mihajlovic betonte, dass der Mord an Stambolic knapp einen Monat vor der jugoslawischen Präsidentschaftswahl einen "klaren politischen Hintergrund" gehabt habe. "Stambolic sollte als möglicher Präsidentschaftskandidat beseitigt werden. Dies weist klar daraufhin, wo der mögliche Anstifter zu suchen wäre", sagte der Innenminister. Als Hauptanwärter auf dieses Amt galt damals der jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic. Man werde nun sowohl Milosevic im UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag als auch dessen Frau Mira Markovic in Belgrad einvernehmen, kündigte der Innenminister an.

Stambolic galt als politischer Ziehvater von Milosevic. Im Dezember 1987 wurde Stambolic als serbischer Präsident abgewählt, nachdem er den immer stärker nationalistischen Kurs des damaligen serbischen KP-Chefs Milosevic kritisiert hatte. Nach mehreren Jahren des Schweigens rechnete Stambolic im Jahr 1995 in einer Autobiographie scharf mit der Politik und dem Regime von Milosevic ab.

28.3.2003 11:50