Dienstag, 25. März 2003

Prozess um Fortuyn-Mord: Motiv weiterhin unklar

  • Militanter Tierschützer ein Einzeltäter
  • Niederlande noch immer ohne neue Regierung

Wenn an diesem Donnerstag in Amsterdam der Prozess um die Ermordung des Rechtspopulisten Pim Fortuyn beginnt, sind die meisten Fakten zum Tathergang und zur Person des Angeklagten bekannt. Nur auf die wichtigste Frage fehlt bisher die Antwort: Warum wurde der rebellische Politiker, der das niederländische Parteien-Establishment in kurzer Zeit so gründlich durcheinander gewirbelt hatte, neun Tage vor seinem erwarteten Erfolg bei der Parlamentswahl am 15. Mai 2002 erschossen?

Antwort erhoffen sich die Niederlande vom Angeklagten Volkert van der Graaf, einem Tierschutzaktivisten. Der 33-Jährige war am 6. Mai wenige Minuten nach der Bluttat auf dem Parkplatz des Rundfunkzentrums in Hilversum festgenommen worden. Ein Augenzeuge hatte ihn verfolgt und die Polizei zu ihm gelenkt. In der Jackentasche des Mannes war die Tatwaffe samt Munition gefunden worden. Für den Prozess sind drei Verhandlungstage vorgesehen. Mit einem Urteil wird zwei Wochen nach Abschluss der Verhandlung gerechnet.

Tat zugegeben
Nach monatelangem Schweigen hatte der Verdächtige bei Vernehmungen die Tat zugegeben. Als Beweggrund nannte er nach Justizangaben die Sorge, dass Fortuyn zu viel politische Macht gewinnen und damit "verletzlichen Gruppen" in der Gesellschaft schaden könnte. Einige Monate später wurde eine Erklärung des 33-Jährigen bekannt, die einem zunächst verbreiteten Eindruck widersprach. Nein, er fühle sich nicht als "Retter des Vaterlands", soll er nach Angaben seiner Verteidigern gesagt haben. Sie bestätigte auch ein von der Presse verbreitetes Zitat, wonach er "nicht stolz" auf die Tat sei.

Einzeltäter-Theorie
Niederländische Medien gehen übereinstimmend davon aus, dass der 54-jährige Fortuyn von einem Einzeltäter ermordet wurde. Sie beschrieben ausführlich den Werdegang des Angeklagten als Umweltaktivist. Spekuliert wurde unter anderem, ob der als "fanatischer" und "fundamentalistischer Tierschützer" skizzierte van der Graaf Fortuyn umbrachte, weil dieser im Falle eines Wahlsieges die Züchtung von Nerzen erlauben wollte. Der Tierschützer hatte in den Jahren vor dem Fortuyn-Mord vor allem gegen Nerzzucht gekämpft.

Niederlande ohne Regierung
Während die Justiz den ersten politischen Mord in den Niederlanden seit der Ermordung von Wilhelm I. von Oranien (1584) aufarbeitet, ist die Politik noch mit den politischen Folgen der Tat beschäftigt. Noch immer verhandeln die beiden größten Parteien des Landes, die Christdemokraten (CDA) und die Sozialdemokraten (PvdA), über die Bildung einer Koalition nach den Neuwahlen vom 22. Januar. Die Vorgängerregierung, eine Mitte-Rechts-Koalition unter Beteiligung der Liste Pim Fortuyn (LPF), war am 16. Oktober nur knapp drei Monate nach ihrem Antritt zerbrochen. Fortuyns Rechtspopulisten waren zuvor bei der Parlamentswahl am 15. Mai auf Anhieb zweitstärkste Fraktion geworden. Ohne den populären Namensgeber zerrieb sich die LPF schnell im innerparteilichen Streit.

25.3.2003 08:42