Montag, 17. März 2003

US-Milliardär Saban erhält Zuschlag für ProSiebenSat.1

  • Übernahme von fast drei Viertel der Stimmrechte
  • Erstmals geht großer dt. Privatsender in ausländische Hände

Mit der Fernsehgruppe ProSiebenSat.1 wird erstmals ein großer deutscher Privatsender in die Hände ausländischer Investoren übergehen. Der Vertrag zum Verkauf von ProSiebenSat.1 an den US-Medienunternehmer Haim Saban sei unterschrieben, teilte die insolvente KirchMedia in München mit.

Saban übernimmt demnach 36 Prozent am Kapital beziehungsweise fast drei Viertel der Stimmrechte an ProSiebenSat.1. Der Verkauf der Filmrechtebibliothek zieht sich indes weiter hin, da noch juristische Details geklärt werden müssten, wie es hieß. ProSiebenSat.1 begrüßte den Einstieg.

Damit fand das rund einjährige Tauziehen um die Fortführung der Kerngeschäfte des zusammengebrochenen Medien-Imperiums von Leo Kirch nun ein Ende. Der 58-jährige Unternehmer Saban und sein Partner, der französische TV-Konzern TF1, sind als einzige Bieter übrig geblieben, nachdem der Bauer-Verlag sein Angebot überraschend zurückgezogen hatte.

Saban übernimmt den Angaben zufolge 36 Prozent am Kapital von ProSiebenSat.1. Da es sich um Stammaktien handelt, erhält der US-Milliardär fast drei Viertel der Stimmrechte an dem Sender. Die übrigen Anteile liegen bei einer Gemeinschaftsfirma von Kirch sowie dem Springer-Verlag beziehungsweise sind am Aktienmarkt gestreut.

"Es gibt nicht oft die Gelegenheit, die wichtigste Senderkette in Deutschland mehrheitlich übernehmen und weiter entwickeln zu können", kommentierte Saban den Vertragsabschluss. Er sei zuversichtlich, dass die Gesellschaft "langfristig deutliches Wachstum" erzielen werde. "Wir sind gut positioniert, sobald die Werbesituation sich wieder verbessert und die Konjunktur im zweitgrößten Medienmarkt der Welt wieder anspringt."

KirchMedia-Geschäftsführer Hans-Joachim Ziems bewertete den Verkauf als "für alle Seiten überaus zufriedenstellend". Das Unternehmen könne dabei als integrierter Medienkonzern erhalten bleiben.

Über den Verkaufspreis wurde Stillschweigen vereinbart. In verhandlungsnahen Kreisen hatte es zuletzt aber geheißen, Saban zahle für das Anteilspaket rund 500 Mio. Euro. Die Saban-Gruppe hat sich auf Investitionen in die Medienbranche spezialisiert. Der Aktienkurs von ProSiebenSat.1, der sich seit der Kirch-Insolvenz im vergangenen Jahr halbiert hatte, baute nach der Mitteilung über den Vertragsabschluss sein Plus auf 4,6 Prozent aus und notierte bei 5,86 Euro.

ProSiebenSat.1-Chef Urs Rohner begrüßte den Einstieg Sabans. "Für uns ist die Saban Group als neuer Hauptaktionär ein Wunschpartner", erklärte Rohner in München. "Mit Haim Saban erhalten wir einen starken, überaus fernseherfahrenen Mehrheitsgesellschafter, der über exzellente Beziehungen im internationalen Film- und Fernsehgeschäft verfügt."

Pläne für einen Arbeitsplatzabbau bei der KirchMedia-Tochter hat Saban derzeit keine. "Unser Ziel ist erst einmal, für Stabilität bei ProSiebenSat.1 zu sorgen", sagte Saban in München. Derzeit sei daher kein Stellenabbau bei der Senderfamilie geplant. Sein Unternehmen werde die nächste Zeit nutzen, um sich ein genaues Bild über die Situation bei ProSiebenSat.1 zu verschaffen. Dann erst könne es auch eine Entscheidung über eine mögliche Kapitalspritze für die Sendergruppe geben.

Der Vertrag zum Verkauf der Filmrechtebibliothek von KirchMedia an Saban/TF1 soll den Angaben nach in den kommenden zehn Tagen unterzeichnet werden. "Bis zur Unterschrift müssen nun noch rund 40.000 Seiten abschließend geprüft werden", hieß es. Über Inhalte und Konditionen sei bereits Einigung erzielt worden, es gehe nur noch um juristische Details. Zustimmen müssen noch der KirchMedia-Gläubigerausschuss, das Bundeskartellamt und die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich.

Zusammen mit dem Verkauf der Sportrechte und weiterer Gesellschaften stehe die Verwertung der wesentlichen Vermögensteile von KirchMedia "unmittelbar vor dem Abschluss", betonte Ziems. Damit seien 85 Prozent des Unternehmens an neue Besitzer gegangen. Angesichts der Vielzahl noch nicht verwerteter kleinerer Tochter- und Beteiligungsgesellschaften im In- und Ausland werde das Insolvenzverfahren für KirchMedia voraussichtlich aber noch weitere zehn bis zwölf Jahre dauern, betonte Insolvenzverwalter Michael Jaffe. Die bisher in Eigenverwaltung erfolgte Insolvenz wurde demnach in ein herkömmliches Insolvenzverfahren umgewandelt.

Die Übernahme der Filmrechtesparte dürfte das Bieterkonsortium Saban/TF1 mehr als ein Milliarde Euro kosten, wie es in verhandlungsnahen Kreisen stets geheißen hatte.

17.3.2003 14:57