Sonntag, 23. März 2003

Irakische Kriegsgefangene: Noch Platz im Auffanglager

  • Erhoffte Überläufer in Massen blieben bisher aus
  • Auch Zivilisten unter den Gefangenen

Fein säuberlich haben US-Soldaten ein kleines Feld in den Wüstensand gezeichnet. Dort sitzen 149 Männer - unrasiert, in Tarnanzügen, Uniformen oder simplen T-Shirts und Hosen. Brav halten sie sich an die Absperrung. Nur die aufgerissenen Lebensmittelpackungen sind über die Grenze hinaus im Sand verstreut. Es sind die ersten irakischen Gefangenen des zweiten Bataillons des fünften Regiments der US-Marineinfanterie.

Irgendwo in der südirakischen Wüste warten sie darauf, in ein provisorisches Auffanglager der US-Armee für irakische Kriegsgefangene gebracht zu werden. Entgegen den Erwartungen stand das Lager am Wochenende ziemlich leer - die Hoffnung der US-Militärstrategen, die irakischen Soldaten könnten gleich nach Beginn der Offensive in Massen überlaufen, hat sich nicht erfüllt.

"Die meisten von ihnen haben sich ergeben, sobald sie uns sahen. Ich glaube, die haben nur auf uns gewartet", erzählt Oberst Dan Ferguson. Sein Bataillon war am Freitag, dem ersten Tag der US-Bodenoffensive, von Kuwait aus in Richtung Basra vormarschiert, um die davor liegenden Ölfelder von Rumaillah abzusichern. Im Wüstensand verbrachte ihr kleines Häuflein an Gefangenen die erste Nacht. Dann wurden sie auf offenen Lastwagen in das von Stacheldraht umgebene Auffanglager hinter einer verrosteten Ölraffinerie gebracht.

17 Zivilisten unter den Gefangenen
Acht der 149 Gefangenen sind Offiziere, 124 sind Rekruten und 17 Zivilisten. Auf dem Weg zu dem Lager wirken sie völlig entspannt, rauchen Zigaretten und winken den wenigen Landsleuten am Straßenrand zu. Beim beim Anblick ihrer wild gestikulierenden irakischen Gefangenen werden die US-Marines nervös. Sie befürchten Fluchtversuche oder Schlimmeres: "Du kannst niemals wissen, wann jemand tapfer oder verrückt wird", sagt einer von ihnen. Vorsichtshalber lassen sie kein Auge von den Irakern.

Strikte Sicherheitsvorkehrungen
Im Lager herrschen ebenfalls strikte Sicherheitsvorkehrungen. Dort werden die Neuankömmlinge in drei Sitzreihen aufgeteilt. Nacheinander müssen sie aufstehen und sich durchsuchen lassen; alle Wertgegenstände werden gegen eine Bescheinigung beschlagnahmt. Stoisch lassen die 149 Gefangenen die Prozedur über sich ergehen - ebenso wie die 200 Insassen, die schon vor ihnen hinter dem Stacheldraht gelandet waren. Nach Angaben von US-Reserveroffizier Shawn Murphy hatten sich auch von ihnen die meisten freiwillig ergeben. Einige seien schon vorher von der irakischen Armee desertiert und in Zivilkleidung mit weißen Fahnen vor dem Lager erschienen.

Über Schicksal wird noch entschieden
Über das weitere Schicksal der Gefangenen soll noch in den nächsten Tagen entschieden werden. Ein Großteil der einfachen Rekruten wird vermutlich freigelassen, die Offiziere aber kommen zum Verhör in ein richtiges Gefangenenlager. Wieviele irakische Soldaten seit Kriegsbeginn desertiert sind oder sich ergeben haben, lässt sich nicht überprüfen. Der Oberbefehlshaber des Irak-Feldzugs, General Tommy Franks, sprach am Samstag von ein- bis zweitausend irakischen Kriegsgefangenen.

Selbst wenn diese Zahl stimmt, kann von Massenflucht keine Rede sein. Dabei hatten die US-Strategen darauf gesetzt, dass gerade in den ersten Tagen im schiitischen Süden des Landes irakische Truppen geschlossen überlaufen könnten. Im Gegensatz zu den Republikanischen Garden in Bagdad haben die Schiiten nur wenig Grund, sich gegenüber Saddam Hussein loyal zu verhalten - vor 1991 hatte er sie ebenso verfolgen lassen wie die Kurden im Norden.

Flugblätter bereits vor Kriegsbeginn
Schon vor Kriegsbeginn hatte die US-Luftwaffe deshalb die gesamte Region mit Flugblättern überzogen, in denen sie den irakischen Soldaten genau erklärte, wie sie sich ergeben sollen. Am Wochenende mussten die US-Streitkräfte jedoch eingestehen, dass der Widerstand selbst im Süden der Irak größer sei als erwartet.

23.3.2003 16:35