Samstag, 22. März 2003

Der 3. Kriegstag: Der "A-Day" hat begonnen

  • Schwere Bombardements auf Bagdad, Kirkusk und Mossun
  • USA und Verbündete rücken nach Basra und Nassiriya vor

Der dritte Kriegstag brachte die bisher schwersten Bombardements auf Bagdad. Aber auch andere Städte wie Mossul und Kirkuk wurde im Zuge des "A-Day" mit Bomben und Raketen eingedeckt. Dabei beschränkten sich die USA und deren Verbündete auf strategische Ziele. Es waren trotzdem zahlreiche Opfer zu beklagen. Die Zahl differiert nach den Angaben der verschiedenen Lager. Im Zuge der Bodenoffensive rückte die USA und ihre Verbündeten nach Basra und Nassiriya vor. Im Zentral-Irak gerieten vier US-Soldaten in einen Hinterhalt und starben - ihre Jeeps wurden von irakischen Granaten beschossen.

"A-DAY" - der groß angelegte Luftangriff auf den Irak begann bereits Freitag Nacht: Schon ab dem Abend regneten Tausende Bomben und Marschflugkörper auf Bagdad und andere irakische Städte herab. US-Streitkräfte zerstörten Regierungsgebäude im Zentrum und Ziele im Umland der Hauptstadt.

Bis in die Morgenstunden wurden Marschflugkörper und Präzisionsbomben abgefeuert. Die Infrastruktur aoll aber weitgehend unversehrt geblieben sein, so dass es in Bagdad heute weiter Strom und Wasser gab. Nach irakischen Angaben sollen die Bombardements zumindest drei Tote und zahlreiche Verletzte gefordert haben.

High-Tech-Krieg
Erstmals seien alle Typen präzisionsgelenkter Waffen eingesetzt worden, fügte der US-Militär hinzu. Dazu hätten auch satellitengelenkte Bomben mit Bunker brechender Sprengkraft ("bunker busters") gehört. Im Visier hatten die US-geführten Streitkräfte demnach die politische und militärische Führung in Bagdad sowie mögliche Verstecke von Massenvernichtungswaffen und die irakische Luftabwehr.

Die irakische Regierung meldete auch Luftangriffe auf Basra und Nassirijah. Die nordirakischen Städte Mossul und Kirkuk wurden ebenfalls aus der Luft angegriffen, wie aus der kurdischen Autonomieverwaltung verlautete. Allein die US-Marine feuerte am Freitagabend nach eigenen Angaben 320 Tomahawk-Marschflugkörper auf Bagdad ab.

1.000 Angriffe geflogen
Zum Auftakt ihrer massiven Luftoffensive gegen Irak sind britische und US-Kampfbomber nach US-Angaben rund tausend Angriffe geflogen. Etwa tausend Marschflugkörper seien abgefeuert worden, sagte ein US-Militärvertreter in Washington. Bei den Angriffen seien unter anderem die Langstreckenbomber vom Typ B-1, B-2 und B-52 eingesetzt worden. Auch Jagdflugzeuge vom Typ F-15 und F-16 sowie Kriegsschiffe im Golf seien zum Einsatz gekommen. Die Kampfflugzeuge seien von rund dreißig Stützpunkten in einem dutzend Ländern und von fünf Flugzeugträgern aus gestartet.

Stadtrand von Bagdad wird bombardiert
Am Samstagnachmittag bombardierten die Allierten Ziele am Stadtrand von Bagdad. Zu den Zielen gehörte offenbar auch ein südlicher Stadtteil, wo der Militärkomplex El Rashid liegt. Die Angriffe ereigneten sich mitten am Tag, während die Straßen von Bagdad relativ belebt waren. Britische und US-Truppen hatten Bagdad am Freitagabend massiv bombardiert und zahlreiche Marschflugkörper abgefeuert. Bei weiteren US-Bombenangriffen im Norden des Irak sind nach Angaben der kurdischen Partei DPK ein irakischer Militärstützpunkt in Kirkuk und ein Palast von Präsident Saddam Hussein in Mossul getroffen worden.

Die Bodenoffensive
Agenturen vermeldeten Samstag Mittag, dass die beiden südirakischen Städte Nassiriya und Basra von US-amerikanischen und britischen Truppen eingenommen worden wären. US-General Franks dementierte die Einnahme von Basra kurze Zeit darauf. Er bezeichnete einen Einmarsch in Basra nicht als Ziel der amerikanisch-britischen Einsatzkräfte. Basra liegt östlich von Nassiriya und ist die zweitgrößte Stadt des Landes. Bei Angriffen auf die Stadt durch F-16-Flugzeuge sollen über 50 Menschen getötet worden sein.

Das westlich des Euphrat gelegene Nassiriya ist rund 180 Kilometer von der Grenze zu Kuwait entfernt und ein wichtiger Übergangspunkt über den Fluss, um Bagdad auf den wenigen vorhandenen Verkehrswegen zu erreichen. Eine US-Armeesprecherin verkündete auf dem Stützpunkt El Sailijah in Katar die Einnahme Nassiriyas. Die Stadt liegt nordwestlich von Basra. Mit der Schlacht um Nassiriya könnte der Widerstand gegen den Vormarsch der allierten Truppen Richtung Bagdad vorerst gebrochen sein. US-Militärsprecher Frank Thorp erklärte, die Stadt sei "gesichert". Das Heer rücke jetzt nördlich in Richtung Bagdad vor, während die Marineinfanteristen die östliche Route (Richtung Basra, Anm.) nehmen sollten.

Basra: Straßenkämpfe vermeiden
Ein britischer Militärsprechers hat Angaben des Oberkommandierenden der alliierten Streitkräfte am Golf, Tommy Franks, bestätigt, wonach die Stadt Basra vorerst nicht eingenommen werden soll. Oberstleutnant Chris Vernon erklärte in Kuwait, man wolle Straßenkämpfe wie in der Hafenstadt Umm Kasr unbedingt vermeiden. Diese seien in Umm Kasr wegen des benötigten Hafens aber notwendig gewesen. Eine Schlacht ums Basra, der größten Stadt im Süden des Landes, hätte dagegen kein strategisches Ziel, sagte Vernon weiter.

Die Kommandanten hofften, mit der Verteilung von Flugblättern und Anrufen bei irakischen Offizieren die Militärführung in Basra zur Aufgabe zu bewegen. In Umm Kasr seien die alliierten Truppen nicht auf organisierten Widerstand gestoßen, sagte Vernon. Die Kommandanten wollten jetzt versuchen, innerhalb von 72 Stunden Trinkwasser und Lebensmittel in die Stadt zu bringen.

Irakis öffnen Damm
Nach in weiterer Folge nie bestätigten Informationen des deutschen TV-Senders ZDF soll der Vormarsch der amerikanischen Bodentruppen rund 200 Kilometer vor Bagdad zum Stillstand gekommen sein, nachdem die Iraker einen Damm geöffnet haben. Der ZDF-Korrespondent Olaf Buhl berichtete am Samstagvormittag aus Katar, die Dammöffnung habe eine Überflutung ausgelöst, so dass die US-Truppen zunächst nicht weiter in Richtung auf die irakische Hauptstadt vorrücken könnten. Der Fernsehreporter sprach von Exklusivinformationen des ZDF.

Vier US-Soldaten gefallen?
Ebenso unbestätigt blieb der Bericht, dass vier US-Soldaten im Zentral-Irak gefallen sind! Das meldete eine Sky-TV-Reporterin, die die Truppen begleitet.

Ein Journalist tot - drei vermisst
Im Kurdengebiet im Norden des Irak ist ein australischer Journalist ums Leben gekommen. Nach Angaben von Augenzeugen starb der Australier bei der Explosion einer Autobombe an einem Kontrollposten nahe der Ortschaft Khormal. Drei Kurden und ein weiterer Journalist seien dabei verletzt worden.

Der britische Kriegsreporter Terry Lloyd, sein Kameramann und ein Übersetzer wurden im Süden des Irak vermisst. Nach Angaben ihres Londoner Arbeitgebers, des TV-Senders ITN, befanden sie sich auf dem Weg nach Basra, als sie unter Beschuss gerieten. Ein weitere ITN-Kameramann wurde verletzt.

Briten schicken weitere Truppen in den Irak
Weitere 8.000 britische Soldaten sind nach britischen Rundfunkangaben in den Irak einmarschiert. Wie die BBC am Samstag berichtete, sollen die Fallschirmjäger und "Wüstenratten", britische Spezialeinheiten, die Ölfelder im Süden des Landes sichern, wo sie auch die Grenze überschritten haben. Insgesamt befinden sich 45.000 britische Soldaten in der Region.

8.000 Irakis geben auf
Bei Basra soll sich bereits in der Nacht auf Samstag eine komplette irakische Heeresdivision mit 8.000 Soldaten nach Angaben des amerikanischen Verteidigungsministeriums den alliierten Streitkräften ergeben haben. Die 51. Division bildete das Herzstück bei der Verteidigung der Millionenstadt Basra, wie unabhängige Experten und US-Regierungsbeamte erklärten. Vor Kriegsbeginn verfügte sie über rund 200 Panzer.

Irak: "51. Division kämpft wild und tapfer!"
Ein irakischer Militärsprecher hat am Samstag bestritten, dass sich die Kommandanten der 51. Division ergeben haben. Dies war zuvor aus US-Militärkreisen verlautet. "Die 51. Heeresdivision kämpft nach wie vor wild und tapfer gegen die Invasionstruppen und fügt dem Feind die schrecklichsten Verluste zu", sagte der Sprecher im Fernsehen. Die "New York Times" hatte berichtet, die Division sei buchstäblich "weggeschmolzen", weil die meisten der Soldaten desertiert seien.

Nordirak: Türkei rückt doch nicht ein
Informationen über den angeblichen Einmarsch türkischer Soldaten in den von Kurden bewohnten Nordirak haben bisher für Verwirrung gesorgt. Die türkische Armee dementierte einen Bericht des Senders CNN-Türk, dass rund tausend Soldaten auf irakisches Territorium vorgedrungen seien. Entsprechende Berichte "entsprechen nicht der Realität", hieß es in einer Stellungnahme der Streitkräfte. Das Parlament habe jedoch die Stationierung türkischer Truppen in Nordirak genehmigt. Die Truppen seien bereit, diese Pläne umzusetzen, "wenn die Situation dies erfordert".

Großbritannien bestätigte hingegen die Präsenz einer "kleinen Zahl" von türkischen Soldaten in der Region. London wisse, dass einige türkische Soldaten in dem Gebiet seien, sagte Verteidigungsminister Geoff Hoon. Die Zahl der Soldaten entspreche einer Einheit der Grenzpolizei. Die türkische Seite habe London versichert, dass es sich lediglich um eine Aktion zur Bewachung der Grenze und zur "Verhinderung von Instabilität in der Grenzregion" handle. London sehe die Gegenwart türkischer Soldaten im Nordirak "entspannt", solange es sich um begrenzte Einsätze handle.

22.3.2003 17:55