Freitag, 21. März 2003

Flüchtlinge im Irak-Krieg: Angekündigte Katastrophe

  • Hilfsorganisationen stellen sich auf Massenflucht aus Irak ein
  • Iran machte die Grenze dicht

Hauptopfer des Irakkriegs ist wieder einmal die Zivilbevölkerung. Zwischen den Fronten wissen Frauen, Kinder und alte Menschen nicht, wie sie ihr Leben retten können. Ganz zu schweigen von ihrem Hab und Gut. Zu den vorhandenen Flüchtlingen kommen neue hinzu. Mehr als 30.000 ängstliche Flüchtlinge warten nach Angaben des Malteser-Hilfsdiensts vollkommen schutzlos an der irakischen Grenze jenseits der Provinz Hakkar im Südosten der Türkei.

Das türkische Militär hat die Grenze zu den nordirakischen Kurdengebieten hermetisch abgeriegelt. Hilfsorganisationen bemühen sich so gut es geht, Unterkunft, Verpflegung, Wasser und Medikamente für die verzweifelten Menschen bereit zu stellen.

Das östliches Nachbarland des Irak, der Iran, machte die Grenze zu den nordirakischen Kurdengebieten ebenfalls dicht. Dagegen war im Westen die irakisch-jordanische Grenze auf der jordanischen Seite offen. Die Deutsche Welthungerhilfe war dort nach eigenen Angaben auf die Unterstützung von bis zu 5.000 Flüchtlingen vorbereitet. Die ersten Flüchtlinge wurden bereits mit Essensrationen versorgt. Am Samstag sollten zusätzliche 4.000 Tagesrationen an die Grenze gebracht. Außerdem wollte die Organisation spezielle Nahrung für Kleinkinder verteilen.

Schwerpunkt des Caritas-Verbandes ist die Flüchtlingshilfe in Syrien. Dort fanden bereits mehr als 40.000 Menschen aus dem Irak bei Bekannten und Verwandten Zuflucht. Die Caritas versorgt die Bedürftigsten unter ihnen. Vorbereitungen zur Versorgung der Menschen in Flüchtlingslagern mit Lebensmitteln, Kleidung, Decken und Medikamenten sind bereits im Gange.

Das Internationale Kreuz in der Region bereitet sich auf die vorübergehende Aufnahme von bis zu einer Million Flüchtlingen vor. Im Iran, der Türkei, Syrien und Jordanien sollen die Kapazitäten des Roten Halbmondes weiter aufgestockt werden, damit die örtlichen Hilfsorganisationen dort an den jeweiligen Grenzen in den Irak mehr als 250.000 Menschen eine Unterkunft bieten können.

Schon vor Beginn des Krieges war die Lage der Zivilbevölkerung infolge der 13-jährigen Sanktionspolitik der UNO katastrophal. Weil das Gesundheitswesen zusammenbrach, starben Männer, Frauen und Kleinkinder massenweise an Unterernährung und Krankheiten - lautlos und weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit. Ende 1996 wurde das Erdölembargo im Zuge der Vereinbarung "Öl gegen Lebensmittel" etwas gemildert: Der Irak durfte demnach je Halbjahr Rohöl zwei Milliarden US-Dollar verkaufen, um im Gegenzug unter UNO-Kontrolle lebenswichtige Waren zu erwerben. Doch am Montag setzte UNO-Generalsekretär Kofi Annan das Programm Öl für Lebensmittel wieder aus.

Die Folgen sind nach Angaben des Büros von Ramiro Lopes da Silva, dem UNO-Koordinator für humanitäre Hilfe im Irak (UNHCI), nicht ausdenkbar: 60 Prozent der irakischen Bevölkerung sind demnach direkt von dem Programm abhängig. 50 Prozent der schwangeren Frauen leiden wegen Eisen- und Proteinmangels unter Blutarmut. Nach den Worten der UNHCI-Sprecherin Veronique Taveau droht im Irak "sehr bald" eine humanitäre Tragödie. Geoffrey Keele vom UNO-Kinderhilfswerk UNICEF sagte, die Sicherheit der Kinder sei das oberste Gebot. Niemand wisse genau, wie lange sich der Krieg hinziehen werde und welche Folgen der Waffengang haben werde.

Der Sprecher des Welternährungsprogramms ((WFP), Khaled Mansour, warnte, dass die Lebensmittelversorgung im Irak schon bald kollabieren könne. Die Organisation habe außerhalb des Irak Nahrungsmittel gelagert, mit denen zwei Millionen Menschen einen Monat lang versorgt werden könnten. Die WFP-Zentrale in Rom bereitet sich nach eigenen Angaben auf die "größte humanitäre Operation in der Geschichte" vor. Für das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) ist der Schlüssel zur Linderung des Flüchtlingselends, dass die Nachbarländer des Irak ihre Grenzen offenhalten. Nur so könnten die Flüchtlinge vorübergehend Schutz und Hilfe bekommen, sagt UNHCR-Sprecher Peter Kessler.

21.3.2003 19:18