Donnerstag, 20. März 2003

Eine Million Flüchtlinge wegen Irak-Krieges befürchtet

  • Erste Flüchtlinge bereits in Jordanien eingetroffen
  • Türkei will mit Armeeeinsatz Massenflucht verhindern

Nach dem Kriegsbeginn im Irak erwarten Hilfsorganisationen bis zu einer Million Flüchtlinge. Die genaue Zahl hänge stark von der Länge eines möglichen Krieges ab, sagte Barbara Wicha von der Caritas. Die österreichische Caritas wolle vor allem in Syrien helfen, das wegen seiner offenen Grenzen zum Irak als bevorzugtes Zielland von Flüchtlingen gelte. Bereits Donnerstag nachmittag erreichten erste Flüchtlinge Jordanien.

Roland Schönbauer vom Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) sagte, dass ein "beträchtlicher Teil" der in den Ballungszentren im Osten des Landes lebenden Iraker in den Iran flüchten werden. Außerdem ist nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) zusätzlich eine Million Binnenflüchtlinge zu befürchten.

Schönbauer sagte, das UNHCR gehe derzeit von 500.000 bis 600.000 Flüchtlingen aus. Wie viele in die jeweiligen Nachbarländer flüchten werden, sei schwer abzuschätzen. Die Internationale Föderation vom Roten Kreuz rechnet damit, 305.000 Kriegsflüchtlinge unterstützen zu müssen, 100.000 im Iran, 80.000 in der Türkei und je 25.000 in Syrien und Jordanien. Dazu kämen noch 55.000 Binnenflüchtlinge.

Das UNHCR hat laut Schönbauer in drei Lagerhäusern in Iskenderun (Türkei), Kermanshah (Iran) und Akabah (Jordanien) Hilfsausstattung für 300.000 Menschen bereitgestellt (Zelte, Decken, Plastikfolien, kleine Öfen, Matratzen und Hygieneartikel), die Versorgung mit Lebensmitteln werde durch die jeweiligen Regierungen und Hilfsorganisationen übernommen.

Iran hat "große Erfahrung" mit Flüchtlingen
Vor allem der Iran habe bereits eine "große Erfahrung" und die nötige Infrastruktur, um mit großen Flüchtlingsströmen umzugehen, sagte Schönbauer. Nach Angaben von HRW befinden sich schon jetzt 203.000 irakische Flüchtlinge im Iran. Im Fall eines Krieges würden vor allem Angehörige der schiitischen Bevölkerungsmehrheit die Flucht ins östliche Nachbarland versuchen. 16 Flüchtlingslager sollen im irakisch-iranischen Niemandsland errichtet werden, um diese Menschen aufzunehmen.

Syrien: Hauptziel für Sunniten
Als Hauptzielland für die sunnitische Bevölkerung, der auch der irakische Machthaber Saddam Hussein angehört, gilt dagegen laut Wicha Syrien. Dieses habe nämlich als einziges Nachbarland keine Visumspflicht für die Iraker eingeführt. Gleichwohl habe Damaskus nur zögernd Vorbereitungen auf eine Flüchtlingswelle getroffen, da man nicht den Anschein erwecken wollte, man nehme einen Krieg gegen das befreundete Regime in Bagdad hin. Derzeit befinden sich nach von HRW zitierten Berechnungen 40.000 irakische Flüchtlinge in Syrien. Sechs Flüchtlingslager im Nord- und Zentralsyrien sollen laut Wicha bis zu 100.000 Flüchtlinge aufnehmen.

Roter Halbmond
Der türkische Rote Halbmond befürchtet unterdessen die Flucht von bis zu 500.000 Menschen aus dem Nordirak in die Türkei. Ankara hat aber bereits angekündigt, seine Grenzen mit Armeehilfe abriegeln und die mehrheitlich kurdischen Flüchtlinge in 13 Lagern auf irakischem Territorium unterbringen zu wollen. Lediglich bei einer Überbelegung sollen fünf weitere Lager auf türkischem Gebiet eingerichtet werden.

Erste Flüchtlinge in Jordanien eingetroffen
Wenige Stunden nach den ersten Bombeneinschlägen in Bagdad werden bereits Flüchtlinge aus dem Irak in einem Rotkreuz-Camp in Jordanien versorgt. Insgesamt kann das Flüchtlingslager in Ruweshid, 50 Kilometer von der irakischen Grenze entfernt, bis zu 25.000 Personen unterbringen, ist in einer Aussendung vom Donnerstag zu lesen.

20.3.2003 13:18