Hunderttausende leiden in Russland an Tuberkulose
- Anstieg auf hohem Niveau gestoppt
Alle Welt fürchtet derzeit die neue, mysteriöse Lungenkrankheit aus Asien. Aber auch altbekannte Erreger sind noch lange nicht ausgeschaltet. Wenn die Welt am 24. März den internationalen Tuberkulosetag begeht, werden Gesundheitsexperten einmal mehr mit Sorgen nach Osteuropa blicken. In Russland liegt die Krankheitsrate fast zehn Mal höher als in Österreich oder Deutschland.
Besonders alarmierend ist die Situation in den überfüllten Gefängnissen. Immerhin haben die russischen Behörden den Anstieg der tödlichen Infektionskrankheit auf hohem Niveau gestoppt.
Ortstermin Kaliningrad: In der Region hat die Tuberkulose bedrohliche Ausmaße angenommen. "Nicht mehr Aids, sondern Tuberkulose ist unser größtes medizinisches Problem", berichtete der Leiter der städtischen Gesundheitsbehörde in Kaliningrad, Viktor Schumejko. Eine Erstansteckung erfolgt meist durch Anhusten aus nächster Nähe, der so genannten Tropfeninfektion, durch Offen-Tuberkulöse.
Armut fördert TBC
Seit dem Zerfall der Sowjetunion sind zehntausende Kaliningrader in die Armut gerutscht. Tuberkulose ist vor allem eine soziale Krankheit. Die einstigen Staatsbetriebe stehen still, das Geld reicht hinten und vorne nicht. Menschen verlieren erst ihre Arbeit und dann ihre Wohnung. Zum gefährlichen Leben auf der Straße kommt ungezügelter Alkoholgenuss. "Diese Menschen haben keine Widerstandskräfte mehr gegen Infektionskrankheiten", erläuterte Schumejko.
Die noch zu Sowjetzeiten regelmäßig in Schulen, Betrieben und Gefängnissen durchgeführten Impfungen sind vielerorts eingestellt worden. In den 1990er Jahren verdreifachte sich der Anteil der Erkrankten an der Gesamtbevölkerung. Zurzeit sind nach unterschiedlichen Angaben 130.000 bis 300.000 Menschen in Russland an Tuberkulose erkrankt. Die offizielle Statistik spricht von 90 Kranken pro 100.000 Einwohner.
Österreich
In Österreich wurden 1995 noch 1.636 neue TB-Fälle mit 183 Todesopfern registriert. Im Jahr 2001 waren es 1.083 Erkrankungen und 109 Tote (endgültige Zahlen), im vergangenen Jahr laut vorläufigen Zahlen, die sich noch ändern werden, 960 neue TB-Erkrankungen mit 78 Todesfällen.
Jeden Tag sterben nach Medienangaben 80 Menschen in Russland an der Infektionskrankheit. Internationale Organisation versuchen mit Geld- und Arzneispenden zu helfen. Eine Behandlung kostet selbst in der Provinz knapp 1.000 Euro, das ist für die große Mehrheit der Bevölkerung unbezahlbar viel Geld.
Die Zustände in vielen russischen Haftanstalten sind katastrophal. Häufig müssen sich mehr als zehn verurteilte Männer oder Frauen in Kammern zwängen, die für höchstens fünf Menschen gebaut wurden. Etwa 100.000 Häftlinge litten in den vergangenen Jahren nach offiziellen Angaben an Tuberkulose. Damit hat jeder zehnte Inhaftierte die Krankheit. In den Straflagern fehlt es an gesundem Essen, Kleidung, Hygieneartikeln und an einer sinnvollen Beschäftigung für die Verurteilten.
Kranke werden nicht behandelt
Verschärft wird die Situation in Russland und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion durch das vermehrte Auftreten resistenter Tuberkulosestämme. Experten führen dies vor allem auf eine unzureichende Behandlung der Kranken zurück. Eine unkontrollierte Verteilung von Medikamenten und eine fehlende Einsicht der Betroffenen führe zur Zunahme von Resistenzen. Nach Studien aus dem Jahr 2000 sind in Russland bereits bis zu 20 Prozent der Tuberkulosepatienten mit multiresistenten Erregern infiziert.
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