Dienstag, 18. März 2003

US-Jury sprach Bayer in 1. Lipobay-Prozess frei

  • Der Kläger, der mehr als 500 Mio. Dollar wollte, geht leer aus
  • Weiter Bereitschaft zu Vergleichen / Kurssprung bei Aktie

Das Bayer-Medikament soll Muskelschwund verursacht haben - aber der Kläger über mehr als 500 Millionen Dollar geht leer aus! Der Leverkusener Chemie- und Pharmakonzernist im 1. US-Prozess um Gesundheitsschäden durch den Blutfettsenker Lipobay/Baycol freigesprochen worden. Ein Geschworenengericht im texanischen Corpus Christi kam zu dem Schluss, dass Bayer für die Erkrankung des Klägers Hollis Haltom (82) nicht rechtlich belangt werden kann. Die Reaktion an der Börse: Die Aktie schoss nach oben!

Die zwölf Geschworenen kamen zu dem Schluss, dass Bayer bei der Vermarktung, der Mitteilung von Problemen und dem Rückzug des Medikaments vom Markt verantwortlich gehandelt habe. Der Anwalt des Mannes hatte Schadensersatz von mehr als 500 Mio. Dollar (472 Mio. Euro) gefordert.

"Das Urteil zeigt, dass wir der Gesundheit der Patienten immer höchste Priorität eingeräumt haben", sagte Bayer-Anwalt Philip Beck anschließend. Haltoms Anwalt Mikal Watts hielt sich die Option einer Berufung offen. "Wir werden weiter für Hollis Haltum und die anderen Baycol-Opfer kämpfen. Diese Angelegenheit ist noch lange nicht beendet", teilte die Anwaltsfirma in einer Stellungnahme mit. Nach Angaben von Beck steht in Mississippi die nächste Klage gegen Bayer an. Das Verfahren habe am Dienstag begonnen.

Die Börse reagierte mit einem Kursfeuerwerk auf die Nachricht: Die Bayer-Aktie schoss am Abend binnen weniger Minuten von etwa 11 Euro senkrecht die Höhe. Zum Handelsschluss notierte Bayer bei 14,30 Euro mit fast 40 Prozent im Plus.

Dem Verfahren in Corpus Christi kommt nach Einschätzung von Branchenexperten eine Schlüsselrolle bei den noch anhängigen Verfahren zu. Bayer hatte das Medikament im Sommer 2001 weltweit vom Markt genommen, nachdem der Verdacht aufgekommen war, dass Lipobay zusammen mit einem anderen Medikament tödlich sein könnte. Mit dem Medikament wird weltweit der Tod von 100 Menschen in Verbindung gebracht.

"Das Unternehmen will auch weiterhin all diejenigen, die durch Lipobay/Baycol schwerwiegende Nebenwirkungen erlitten haben, auf faire Weise entschädigen, unabhängig davon, ob es derartige Ansprüche rechtlich mit guten Argumenten abwehren könnte", versicherte Bayer in Leverkusen in einer Stellungnahme. "Gleichzeitig aber wird sich Bayer in allen Fällen, in denen nach intensiver Prüfung kein Zusammenhang zwischen Lipobay/Baycol und dem Patienten besteht, oder in denen sich kein Vergleich erzielen ließ, entschieden verteidigen, wie dies auch beim Fall in Corpus Christi geschah."

Der Kläger in Corpus Christi geht nach Angaben von Beck nach diesem Verfahren leer aus. "Es geht nicht an, dass wir Entschädigung anbieten, die abgelehnt wird, dass unsere Haltung dann von Gericht bestätigt wird und wir anschließend doch zahlen. Herr Haltum bekommt keine Entschädigung", sagte Beck. Bayer hat nie in Abrede gestellt, dass Haltum nach der Einnahme von Lipobay/Baycol erkrankte. Der Mann hat sich inzwischen voll erholt.

Urteil im 1. Verfahren wurde mit Spannung erwartet
Das Urteil im Zusammenhang mit Lipobay wurde mit Spannung erwartet, weil es möglicherweise richtungweisend für weitere Verfahren sein könnte. Bisher sind 8.400 Klagen gegen Bayer wegen Lipobay anhängig. Die Schätzungen über die Höhe möglicher Schadenersatzzahlungen reichten in der Vergangenheit bis zu zehn Milliarden Dollar (9,26 Mrd. Euro).

Cholesterinsenker Lipobay 2001 musste vom Markt
Bayer hatte den Cholesterinsenker Lipobay 2001 vom Markt genommen, weil das Medikament im Verdacht steht, als Nebenwirkung Muskelschwäche mit tödlichem Ausgang verursachen zu können. Insgesamt werden rund 100 Todesfälle mit der Einnahme von Lipobay in Verbindung gebracht.

18.3.2003 08:17