Dienstag, 18. März 2003

Vor Mafia-Urteil: "Pate" wollte sich umbringen!

  • In der Zelle: Mann trank wenige Stunden vor Prozess Putzmittel
  • Anklage: Er soll Mord an Minister in Auftrag gegeben haben

Mitte April sollte das Urteil gefällt werden - doch wenige Stunden vor dem Finale der Schock: Der mutmaßliche Mafia-Pate hat in seiner Zelle einen Selbstmord-Versuch verübt. Der 57-Jährige wurde um 4.40 Uhr bewusstlos aufgefunden. Der Prozess wurde auf Mitte Mai vertagt.

Friedrich Matousek, Leiter der Staatsanwaltschaft Wien, vermeldete: "Er ist über den Berg". Ein Notarzt sowie eine Krankenschwester waren rasch zur Stelle, B. wurde mit Vergiftungserscheinungen in ein Spital eingeliefert.

Jeremiasz B. hat zu einem Kalk lösenden Putzmittel gegriffen. Das bestätigte Frederick Lendl, Pressesprecher im Wiener Landesgericht, auf APA-Anfrage. Da es bei B. und seinem Zellengenossen - der mutmaßliche Mafia-Pate teilt sich in der Justizanstalt Wien-Josefstadt mit einem polnischen Landsmann den Haftraum - keine Anzeichen auf Selbstbeschädigungs-Absichten gab, durften sie das Mittel mit Genehmigung der Anstaltsleitung zum Reinigen der Toilette bzw. ihres Geschirrs benutzen.

Prozess wegen Auftragsmord an Minister
B.'s schon Wochen dauernder Prozess wegen Anstiftung - konkret: dem Auftrag - zur Ermordung des ehemaligen polnischen Sportministers Jacek Debski hätte Mitte April zu Ende gehen sollen. Jacek Debski ist in der Nacht auf den 12. April 2001 in Warschau erschossen worden.

Brisante Zusammenhänge mit Mordprozess
Dass sich Jeremiasz B. in seiner Zelle vergiften wollte, dürfte in ursächlichem Zusammenhang mit Ereignissen stehen, die sich in seiner Zelle in der Justizanstalt Wien-Josefstadt sowie beim Prozess gegen Halina G. in Warschau abgespielt haben. Die 28-Jährige muss sich dort seit einigen Wochen wegen Beteiligung an der Ermordung des früheren polnischen Sportministers Jacek Debski verantworten, die Jeremiasz B. laut Anklage in Auftrag gegeben hat.

Sie soll eine "Soldatin" des mutmaßlichen Mafia-Paten gewesen sein und auf dessen Geheiß hin Debski in der Nacht zum 12. April 2001 begleitet und ihn kurz vor Mitternacht zum gedungenen Killer gelotst haben, der den Mann vor dem etwas außerhalb von Warschau gelegenen Lokal "Casa Nostra" dann niederschoss. Halina G. alias "Inka" hat das auch mehrfach zugegeben und zuletzt Jeremiasz B. im Wiener Landesgericht als Zeugin dahin gehend belastet.

Noch ein toter Angeklagter! Telefonate aus dem Gefängnis
In ihrer eigenen Verhandlung sagte die Freundin des mutmaßlichen Killers Tadeusz M. aus, der im Juli 2002 in seiner Zelle in Warschau unter nicht ganz geklärten Umständen zu Tode kam. Polnische Medien hegen an der Version, er hätte sich erhängt, starke Zweifel. Seine Freundin erzählte nun einem Bericht der polnischen Zeitung "Gazeta Wyborcza" zufolge dem Warschauer Gericht, Tadeusz M. habe die fragliche Zeit zur Gänze mit ihr verbracht. Er könne daher nicht der Mörder sein.

Darauf wurde sie wegen falscher Zeugenaussage noch im Gerichtsgebäude festgenommen. Denn der Staatsanwalt konnte beweisen, dass Jeremiasz B. am 24. März 2003 mit dieser Frau aus seiner Wiener Zelle telefoniert und ihre unrichtigen Angaben "bestellt" hat. Dieses Gespräch wurde abgehört. Die österreichischen Behörden konnten den polnischen Kollegen sogar eine Kassette übermitteln, auf der sich Jeremiasz B. mit Sätzen wie "Du bist für mich wie meine Tochter!" und "Hör zu, Du bist die einzige Person, die mich retten kann!" Hilfe erbittet. Dieses Band wurde auch in der Warschauer Verhandlung abgespielt.

Gespräche abgehört
Wie der Leiter der Staatsanwaltschaft Wien dazu erklärte, sind zuletzt "sehr häufig" Telefonate abgehört worden, die Jeremiasz B. verbotenerweise aus seiner Zelle führte. Wie berichtet, dürfte dieser zumindest seit Dezember 2002 über ein Handy verfügt haben, mit dem er auf jeden Fall auch die Mutter des ermordeten Ex-Ministers sowie einen früheren Leibwächter angerufen hat.

Die Anklagebehörde reagierte darauf mit einer Rufdaten-Rückerfassung und klinkte sich schließlich in die Gespräche des mutmaßlichen Paten ein. Was dieser nicht geahnt haben dürfte. Bei einer eingehenden Durchsuchung der Zelle fand man ausreichend Beweismaterial. Und das Handy.

Ehefrau machte sich Sorgen
Jeremiasz B. dürfte auch noch von der Festnahme der Freundin des angeblichen Killers erfahren haben: Er erhielt Besuch von seiner Ehefrau, die ihm vermutlich die jüngsten Entwicklungen mitgeteilt hat. Sie kontaktierte jedenfalls nach ihrem Besuch den Verteidiger ihres Mannes und ließ diesen wissen, sie mache sich jetzt "große Sorgen" um ihren Mann.

Für den Behördenleiter der Staatsanwaltschaft Wien "bietet sich irgendwie der Schluss an, dass diese Vorgänge mit dem Ereignis von heute Früh in Zusammenhang stehen", so Matousek. Verteidiger Karl Bernhauser zeigte sich demgegenüber vom Selbstmord-Versuch überrascht: "Bei meinem Mandanten kommt immer alles aus heiterem Himmel." Er beantragte die Einholung eines psychiatrischen Gutachtens, da er inzwischen an der Zurechnungsfähigkeit von Jeremiasz B. zweifelt.

18.3.2003 22:12