Lipobay-Belastung kann Versicherung übersteigen
- Haftungsrisiko derzeit nicht abschätzbar
Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer hat erstmals eingeräumt, dass mögliche Milliarden-Belastungen durch Schadensersatzklagen im Zusammenhang mit dem Medikament Lipobay die Versicherungsdeckung übersteigen könnten.
"Auf Grund der erheblichen Unwägbarkeiten sei es derzeit nicht möglich, weitere Abschätzungen zum Umfang der Haftungsrisiken abzugeben", teilte der Konzern am Donnerstag bei der Bilanzvorlage mit. Die Frage nach der Bildung von Rückstellungen werde immer wieder geprüft. Zur Höhe der Versicherungsdeckung für Lipobay wollte ein Bayer-Sprecher keine Angaben machen.
Bereits 8.400 Klagen
Die Zahl der Lipobay-Klagen sei mittlerweile auf 8.400 gestiegen, wovon 4.600 nahezu identisch seien. Bayer habe ohne Haftungseingeständnis bisher über 500 Vergleiche geschlossen und dafür etwa 140 Mio. Dollar (126,4 Mill. Euro) bezahlt, hieß es. Bisher waren 7.800 Klagen und 450 Vergleich bei Zahlungen von insgesamt 125 Mio. Dollar bekannt gewesen.
Nach dem vergangenen Krisenjahr zeigte sich Bayer für 2003 wieder verhalten optimistisch. Das operative Ergebnis vor Sonderposten könne voraussichtlich gesteigert werden, nachdem sich dieser Betriebsgewinn im Vorjahr fast halbiert hatte. Voraussetzung sei, dass sich die derzeitigen Rahmenbedingungen nicht gravierend verschlechtern. Die Entwicklung bei Umsatz und operativem Ergebnis in den ersten zwei Monaten des Jahres sei bereits ermutigend gewesen.
Bayer dennoch optimistisch
2002 verbuchte Bayer beim operativen Ergebnis im fortlaufenden Geschäft vor Sonderposten einen Rückgang um 46 Prozent auf 989 Mio. Euro. Aufgrund von Verkaufserlösen stieg der Konzerngewinn aber um zehn Prozent auf 1,1 Mrd. Euro. Der Umsatz ging im fortlaufenden Geschäft um ein Prozent auf 29 Mrd. Euro zurück. Damit übertraf Bayer leicht die Erwartungen der von Reuters befragten Analysten, die im Schnitt das operative Ergebnis bei 967 Mio. Euro sahen und den Umsatz des fortlaufenden Geschäfts bei 28,972 Mrd. Euro.
Im laufenden Jahr habe die Verbesserung der Erträge und die Lösung der strategischen Fragen höchste Priorität. Zudem soll die im vergangenen Jahr auf 8,9 Mrd. Euro abgebaute Nettoverschuldung des Konzerns auf rund sieben Mrd. Euro reduziert werden. Allein 2003 will Bayer seine Kosten um 500 Mio. Euro senken.
Bayer nannte zudem überarbeitete Renditeziele. Unter der Annahme einer spätestens ab 2004 steigenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrage werde für den Konzern bis 2006 eine operative Gewinnmarge auf Ebitda-Basis von 21 Prozent angestrebt. Im vergangenen Jahr lag diese Kennziffer bei zehn Prozent. Für den Gesundheitsbereich liege die Zielrendite bei 20 Prozent. Die Lösung der Pharma-Frage werde weiterhin mit Nachdruck vorangetrieben, betonte Vorstandschef Werner Wenning ferner.
Auf Grund der Unsicherheit über die Höhe möglicher Schadensersatzzahlungen haben Bayer-Aktien seit Jahresanfang fast 50 Prozent an Wert verloren. Bayer hatte den Cholesterinsenker Lipobay 2001 vom Markt genommen, weil das Medikament im Verdacht steht, als Nebenwirkung Muskelschwäche mit tödlichem Ausgang verursachen zu können. Insgesamt werden rund 100 Todesfälle mit Lipobay in Zusammenhang gebracht.
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