Donnerstag, 13. März 2003

Djindjic hatte Morddrohungen gelassen hingenommen

  • "Kollateralschaden" im Kampf gegen organisiertes Verbrechen

Der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic hatte die an ihn gerichteten Morddrohungen nicht einmal nach dem Attentatsversuch vom 21. Februar ernst genommen. Würde man ihn ermorden, so würde er zum "Kollateralschaden" des Kampfes gegen das organisierte Verbrechen werden, meinte er. "Meine Ermordung wäre kein gutes Signal für ausländische Investoren", nahm Djindjic bei einer seiner letzten Pressekonferenzen die Drohungen gelassen hin.

"Die organisierte Kriminalität ist an die Wand gedrückt worden", behauptete Djindjic. Er erwarte, dass in 10 bis 15 Tagen der organisierten Kriminalität ein entscheidender Schlag versetzt sein würde, behauptete er vor gerade zwei Wochen. "Wir kehren nun zur Situation zurück, wo der Staat endlich erneut den Kriminellen überlegen sein wird", zeigte sich Ministerpräsident verfrüht optimistisch.

Nach seinem Tod dürfte allerdings vieles anders werden. Die serbische Regierung hatte am Mittwochabend ein Verzeichnis von 23 Kriminellen veröffentlicht, denen über 50 Mordfälle aber auch die Ermordung von Djindjic angelastet werden. Einige Namen sind der breiteren Öffentlichkeit schon seit langem bekannt. Wie oft zuvor stellt sich auch dieses Mal erneut die Frage der Verantwortung der Polizei.

Innenminister Dusan Mihajlovic, ein langjähriger enger Mitarbeiter von Slobodan Milosevic, der sich später der Opposition anschloss, müsste dank seiner Laufbahn bei einstigem Staatssicherheitsdienst eigentlich ziemlich viel wissen. Die Polizei hat bisher nicht einmal konkretere Angaben über den Tathergang gemacht. Es fehlen auch Angaben über eventuelle Festnahmen.

Ohne Djindjic hat die serbische Reformregierung ihren leitenden Geist verloren, der alle Fäden in den Händen hielt. Ohne den energischen Ministerpräsidenten wird die Regierung kaum in der Lage sein, die notwendigen energischen Schritte zu treffen.

"Man hat ihn ermordet, gerade wo wir ein bisschen besser gelebt haben", meint Milica. Die Gemüsehändlerin ist vor Jahren samt Familie nach Belgrad aus Bosnien geflüchtet. Erst jetzt, zehn Jahre später, hat sie geglaubt, bessere Zukunftsaussichten für sich und ihre Kinder zu sehen.

Hunderte von Belgradern, vorwiegend aus der jüngeren Generation, haben in letzter Nacht in aller Stille Blumen und Kerzen vor das Regierungsgebäude im Stadtzentrum gelegt. Ein ähnliches Bild bot sich auch vor dem nahegelegenen Sitz der Demokratischen Partei, die Djindjic seit gerade zehn Jahren als Parteichef geleitet hatte.

"Heute ist Serbien beschossen worden. Wohin bist Du gegangen, wem hast Du uns überlassen", steht mit einer ungeschickten Handschrift geschrieben auf einem Blatt Papier, das zu Kerzen vor Regierungsgebäude gelegt worden ist.

Der serbische Vizeministerpräsident Nebojsa Covic hat die Ermordung von Djindjic als Versuch bezeichnet, die Reformprozesse im Land aufzuhalten und einen Machtwechsel herbeizuführen, der erneut die alten Strukturen ans Staatsruder bringen soll, die eng mit der organisierten Kriminalität verbunden worden waren.

13.3.2003 09:31