Mittwoch, 12. März 2003

Englisch, Deutsch, Mathe: Jeder 4. braucht Nachhilfe!

  • Jeder 2. Schüler arbeitet mehr als 40h pro Woche!
  • OECD-Studie: Österreichs Schüler am längsten in Klasse

Der Lern-Stress - laut neuer Studie erhält jeder vierte bis fünfte Schüler in Österreich (20 bis 25%) Nachhilfeunterricht. Meistens Englisch, Deutsch und Mathe. Dabei sind die Kinder in Österreich beim Lernen Spitze mit 1.148 Stunden pro Jahr (siehe Story im Kasten rechts). Dazu kommen im Schnitt noch 11 Stunden für Hausaufgaben, Lernen oder Nachhilfe! Das heißt: Fast jeder 2. Schüler hat eine Gesamt-Arbeitszeit von mehr als 40 Stunden pro Woche!

Jeder vierte bis fünfte Schüler in Österreich (20 bis 25 Prozent) erhält Nachhilfeunterricht. Das zeigen zwei neue Studien, die am Arbeitsbereich Bildungspsychologie und Evaluation am Institut für Psychologie der Universität Wien im Rahmen des Forschungsprogramms "Arbeitszeit für die Schule" erstellt wurden. Die meisten Schüler haben demnach ein bis zwei Stunden pro Woche Nachhilfe, mit Spitzenwerten von mehr als neun Stunden. Die häufigsten Nachhilfe-Fächer sind Englisch (42 Prozent), Deutsch (31 Prozent) und Mathematik (21 Prozent).

Grund für Nachhilfe:
+ Das häufigstes Motiv: "Wunsch nach besseren Noten"
+ Motiv Nr. 2: "schwieriger Lernstoff"
+ Motiv Nr. 3: "mangelnde elterliche Unterstützung"

Auffallend dabei waren geschlechtsspezifische Unterschiede: Während Buben "zu wenig Fleiß" an zweiter Stelle der Motive nannten, sind bei den Mädchen eher die "Scheu, im Unterricht zu fragen" und "Krankheit" Gründe für Nachhilfe.

In den Nachhilfe-Stunden beschäftigten sich die Schüler am meisten mit der "Vorbereitung auf Schularbeiten und Tests", gefolgt von "Üben von verschiedenen Beispielen" und "Vorbereiten von neuem Lernstoff". Dagegen werden bei der Nachhilfe kaum "Lernen lernen" vermittelt oder "persönliche Gespräche" geführt. "Dieses Ergebnis deckt sich mit früheren Arbeiten von uns, die zeigten, dass Schüler die meiste häusliche Arbeitszeit für die Schule - unabhängig von Nachhilfe - mit Lernen für Schularbeiten und Tests verbringen", erklärte Studienautorin Petra Wagner, die gemeinsam mit Christiane Spiel und Maria Tranker die Untersuchung durchgeführt hat, im Gespräch mit der APA.

Damit werde der hohe Stellenwert der Schularbeitsfächer deutlich. "Diese decken zwar im zeitlichen Umfang weit weniger als die Hälfte aller Unterrichtsfächer im Lehrplan von Gymnasium und Hauptschule ab, führen aber auf Grund der Wichtigkeit in der Leistungsbeurteilung zu hohem Nachhilfekonsum", sagte Wagner. Aus Sicht der Expertinnen sollte deshalb von Seiten der Schule bzw. der Schulbehörden die Frage diskutiert werden, "ob dieses hohe zeitliche und auch finanzielle Investment für die bezahlte Nachhilfe für nur wenige Unterrichtsfächer wirklich in Relation zum tatsächlichen Leistungsoutput der Schüler steht".

Die Bildungspsychologen verweisen in diesem Zusammenhang auf die OECD-Daten, wonach Österreich nach Mexiko die höchste Unterrichtszeit aller erfassten Länder für zwölf bis 14-jährige Schüler aufweise. Im europäischen Vergleich der Schulleistungen rangiere Österreich aber lediglich im Durchschnittsbereich.

"Diese Ergebnisse verbunden mit der Nachhilfesituation sollten Anlass für Maßnahmen zur Reduktion der Lernbelastung gerade in den Schularbeitsfächern sein", sagte Wagner. Die Förderung der Schüler, vor allem hinsichtlich Steigerung der Bildungsmotivation und der Lernkompetenz, sollte jedoch elementarer Bestandteil des schulischen Unterrichts sein und nicht in die Nachhilfe ausgelagert werden. Als Schützenhilfe für den Plan von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V), die Schulstunden zu reduzieren, will Wagner ihre Forderungen aber nur bedingt sehen. "Eine Stundenverkürzung ohne Einbettung in flankierende Maßnahmen ist nicht ausreichend", so Wagner. Dazu bedürfe es auch einer generellen Diskussion über die Lerninhalte und die Lernziele.

12.3.2003 09:36