Donnerstag, 27. Februar 2003

SP-Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl tritt zurück!

  • Broukal will nicht nachfolgen

Andrea Kuntzl (44) tritt als Bundesgeschäftsführerin der SPÖ zurück. Nachdem die Weichenstellung getroffen sei, dass die SPÖ in Opposition geht, sei auch "die Zeit für persönliche Weichenstellungen" gekommen. Sie wolle sich nun nach drei Jahren in der Bundesgeschäftsführung wieder mehr der inhaltlich-konzeptiven Arbeit widmen, betonte Kuntzl am Donnerstag. Kuntzl wurde am Dienstag zur Familiensprecherin der SPÖ gewählt. Josef Broukal, SP-Wissenschaftssprecher, denkt nicht daran, den Job des Bundesgeschäftsführer zu übernehmen.

SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef Broukal will nicht neuer Bundesgeschäftsführer werden. Er bedaure den Rücktritt von Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl, sagte Broukal auf Anfrage der APA am Donnerstag. Angesprochen darauf, ob der Schritt von Kuntzl nicht zu einem ungünstigen Zeitpunkt erfolgt sei, meinte Broukal, "jeder Termin ist geschickt und ungeschickt. Wenn jemand innerlich so weit ist, hat das ja eine Logik".

Kuntzl sei neue SPÖ-Familiensprecherin und deswegen sei es ein "idealer Tag zu sagen, jetzt gehe ich über die Brücke. Ich mache eine Tür zu und eine andere auf".

Er, Broukal, würde "gerne einer Einladung folgen, in der es darum geht, die kommunikative Arbeit der Bundesgeschäftsstelle zu betreuen. Inhaltlich, Titel interessieren mich nicht". Angesprochen darauf, ob es künftig weiterhin zwei Bundesgeschäftsführer geben solle, verwies Broukal darauf, dass "es früher drei Zentralsekretäre gegeben hat. Dann lange Zeit zwei, dann einen". Die Bandbreite liege also zwischen eins und drei. Es sei auch eine Frage der handelnden Personen.

Mit der innerparteilichen Kritik an der Parteizentrale und am Wahlkampf habe ihre Entscheidung nichts zu tun, meinte Kuntzl. Sie sei ja im Wahlkampf "eher peripher" eingesetzt gewesen. "Es hat auch seitens des Parteivorsitzenden nie Kritik an meiner Arbeit gegeben."

"SPÖ saniert"
In den drei Jahren, in denen sie - vom damals neuen Parteichef Alfred Gusenbauer geholt - gemeinsam mit Doris Bures Bundesgeschäftsführerin der SPÖ war, sei es gelungen, die Situation der SPÖ zu "sanieren", betonte die am Donnerstag zurückgetretene Andrea Kuntzl gegenüber der APA. Ob ihr Posten nachbesetzt und es damit weiterhin zwei BundesgeschäftsführerInnen geben wird, wisse sie nicht, "beide Modelle sind möglich". Ihre Entscheidung, sich aus dem Parteimanagement zurückzuziehen, sei seit längerem festgestanden. Sie habe nur den richtigen Zeitpunkt abgewartet.

Mit Arbeit zufrieden
"Ich habe diese Funktion übernommen in einer Zeit, die für die SPÖ sehr schwierig war. Die SPÖ war gerade in die Opposition gegangen und stand in einer sehr schwierigen finanziellen Position da." Es sei ihr "besonders wichtig, dass es uns gelungen ist, die Situation so zu ändern, dass eventuelle Nachfolger ein saniertes Haus übernehmen können", so Kuntzl. Es gebe jetzt wieder "mehr Bewegungsspielraum als in den letzten Jahren, was vor allem für die Öffentlichkeitsarbeit gilt und dringend nötig ist für die Phase, in der die SPÖ jetzt steht".

Persönliche Entscheidung
Die innerparteiliche Kritik an der Wahlkampfführung nach dem schlechten Abschneiden der SPÖ bei der Nationalratswahl "ist für meine Entscheidung kein Grund", betonte Kuntzl. Sie sei zwar natürlich "rund um die Uhr im Wahlkampf engagiert" gewesen, "aber eher peripher eingesetzt. Ich war weder in der Wahlkampfleitung noch zentral als Parteisprecherin eingesetzt", so Kuntzl. "Es geht wirklich darum, dass ich die persönliche Entscheidung getroffen habe, den Schwerpunkt meiner Arbeit zu verlegen."

"Gutes Verhältnis zu Gusenbauer"
Zu Parteichef Alfred Gusenbauer habe sie "immer ein sachlich sehr gutes Verhältnis" gehabt, "ich schätze ihn auch nach wie vor politisch außerordentlich". Sie werde ihn auch weiterhin "selbstverständlich mit meiner Arbeit weiter unterstützen, aber an anderer Stelle", betonte die nunmehrige SPÖ-Familiensprecherin.

Ihre Entscheidung sei schon "seit längerem klar" gewesen, sie habe nur auf den "richtigen Zeitpunkt" gewartet: In der sensiblen Phase der Regierungsgespräche habe sie es für nötig erachtet, "weiterhin meinen Platz einzunehmen und das Beste beizutragen".

Gusenbauer bedauert
Er bedaure den Rücktritt von Andrea Kuntzl als Bundesgeschäftsführerin der SPÖ, ihr Schritt sei aber "als persönliche Entscheidung zu akzeptieren", erklärte SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer am Donnerstag. Er bedanke sich "ausdrücklich für ihren vorbildhaften Einsatz in den letzten drei Jahren als Bundesgeschäftsführerin", hieß es im SPÖ-Pressedienst.

Kuntzl werde mit ihrer neuen Aufgabe als Familiensprecherin weiterhin eine wichtige Funktion im Parlamentsklub einnehmen, so Gusenbauer weiter. Es sei erfreulich, dass sie somit im wichtigen Themenbereich der Familienpolitik - mit den für die SPÖ zentralen Fragen wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Chancengleichheit für Frauen - auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen werde.

Burgstaller überrascht
Für die stellvertretende SPÖ-Bundesvorsitzende und Salzburger Parteichefin Gabi Burgstaller ist der Rücktritt Andrea Kuntzls als Bundesgeschäftsführerin von heute selbst "überraschend gekommen". Dass Kuntzl genau einen Tag nach Burgstallers Forderung, die Bundesparteizentrale brauche Änderungen (konkret ein Kommunikationsgenie, das das Parteimanagement ergänze, Anm.) zurückgetreten ist, bezeichnet Burgstaller heute, Donnerstag, gegenüber der APA "als reinen Zufall". Vorsichtig brachte sie immer wieder den Namen Josef Broukal ins Gespräch.

"Es war nicht mein Anliegen, dass jemand geht", betonte die SP-Spitzenpolitikerin, "sondern wir müssen die besten Ausgangsbedingen für die Opposition schaffen, damit die SPÖ wieder die Nummer eins werden kann". Als neuer Kommunikator für die Bundesparteizentrale komme immer wieder Josef Broukal ins Gespräch, der "ein Talent dafür besitzt", erklärte Burstaller.

Sie nehme die Entscheidung von Frau Kuntzl zur Kenntnis. Es sei legitim und akzeptabel, dass Kuntzl den Schwerpunkt ihrer Arbeit in Zukunft dem Themenblock Frauen und Familie widme. Inhaltlich sei dieses Thema von der Regierung ohnehin konservativ angegangen worden. Hier gebe es auf jeden Fall viel zu tun. Die scheidende Bundgeschäftsführerin sei ein Mensch, der inhaltlich sehr gut bis ins Detail arbeite. Sie habe auch Verständnis dafür, so Burgstaller, dass eine harte Oppositionsansage und pointierte Formulierungen nicht jedem liege.

27.2.2003 11:30