Abschied von Prawy. Sein Enthusiasmus bis ans Ende.

Letzter Salut von Ozawa, Hampson, Schenk. Das letzte Gespräch beim NEWS-Termin in der „Josefstadt“: über Politik, Frauen, Musik und den Tod.
LVor Beginn der Veranstaltung saß er verstimmt im Künstlerzimmer, weil der geforderte Maskenbildner nicht da war. Er wolle das relativ intakte Fernsehbild nicht beschädigen lassen, indem er dem Publikum das Ausmaß des Verfalls präsentiere, sagte Marcel Prawy. Das war im vergangenen November. Ich hatte ihn als Gast einer monatlichen Reihe von NEWS-Gesprächen ins Theater in der Josefstadt gebeten. Als das Publikum – reichlich, wie immer, wenn er auftrat – in die Sträußelsäle drängte, saßen wir schon auf dem Podium, so, als hätten wir im Plaudern die Zeit vergessen.
In Wahrheit aber wollte er das enorme Gefälle zwischen seiner professionellen und seiner außerberuflichen Existenz überbrücken: dass er, sowie er fest auf seinem Platz unter dem Scheinwerfer saß, unschlagbar war, mitreißend, selbstironisch, pointen- und faktensicher. Dass er aber außerhalb dieser euphorischen Stunden kaum noch des Gehens mächtig war. Manchmal, wenn man ihn nach einer Vorstellung von der Oper (wo er zuhause) zum Sacher (wo er daheim war) begleitete, blieb er mitten auf der zweiten Spur der tückischen, allseits befahrenen und schlecht einsehbaren Philharmonikerstraße stehen und redete, um nicht gehen zu müssen. Das Gespräch in der „Josefstadt“ hatten wir um drei Wochen verschieben müssen.
Die Bronchitis, die ihn zuletzt quälte und die vielleicht mehr war, hatte ihn ins Rudolfinerhaus gezwungen. Von dort meldete er sich in Desparation und bot an, sich gegen das ärztliche Verdikt mit der Ambulanz in die „Josefstadt“ fahren zu lassen. Das lehnte ich ab: „Wegen 150 Zuschauern bringe ich dich nicht unter die Erde.“ Und er antwortete: „Bei 1.000 könnte man drüber reden.“
Das in NEWS abgedruckte Gespräch war das letzte, in dem er über sich Auskunft gab: ein phantastischer Grenzgang zwischen Rührung und Schrecken, Ironie und Todernst, Größenwahn und Bescheidenheit. Aufgetreten ist er nachher nur noch zum Ruhm anderer, zuletzt in der Einführungsmatinee zu Kreneks „Jonny spielt auf“. Er mochte das Werk nicht, weil er es als Einziger gesehen hatte, und nach der Premiere wusste man, weshalb.
Autoren: Heinz Sichrovsky, Mitarbeit: Renate Kromp
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