Sonntag, 2. März 2003

Grundig-Chronik: Eine wechselvolle Firmengeschichte

  • Wiener Traditionswerk wird zum Knackpunkt für Konzernzukunft

Länger als ein Jahrzehnt dauert das Ringen um das angeschlagene Traditionsunternehmen Grundig. Leidtragender dabei ist auch das 1919 gegründete Wiener TV-Werk, früher unter Marke Minerva ein Begriff, die Grundig im Jahr 1969 übernahm. Zunächst aufgewertet durch die Verlagerung von Kapazitäten wird das Wiener Werk zum Knackpunkt in den Verhandlungen über des gesamten Konzern. Im Folgenden eine Chronologie zur wechselvollen Geschichte von Grundig:

1946: Firmengründer Max Grundig (1908-1989) legt mit seinem Radiogerät "Heinzelmann" den Grundstein des Imperiums. Bereits 1950 verlässt das 500.000. Radiogerät die Fabrik. Der "Heinzelmann" gehörte zu den größten Verkaufsschlagern der Nachkriegszeit.

In den späten sechziger Jahren ist Grundig eine der ersten Firmen, die einen Farbfernseher auf den Markt bringt.

1979: Auf dem Höhepunkt der Firmengeschichte beschäftigt das Unternehmen rund 38.000 Mitarbeiter und verfügte über 30 Werke im In- und Ausland.

1980: Grundig verpasst den Anschluss an neue Entwicklungen und rutscht in die roten Zahlen. Tausende Beschäftigte verloren ihre Stelle.

1984: Nach langer Partnersuche übernimmt der niederländische Elektronikkonzern Philips das Familienunternehmen. Max Grundig zieht sich aus dem Geschäft zurück.

1997: Wegen Verlusten in dreistelliger Millionenhöhe steigt Philips wieder aus. ein Bankenkonsortium übernimmt vorerst die Führung.

07.11.2000: Anton Kathrein, Besitzer eines der größten deutschen Hersteller von Antennenanlagen, rettet Grundig mit seinem Einstieg vor dem Konkurs. Damals ist das Eigenkapital des Unternehmens bereits fast aufgebraucht.

31.12.2000: Grundig beschäftigt rund 5.900 Mitarbeiter, davon 3.000 in Deutschland, 1.300 in Österreich.

29.03.2001: Der Aufsichtsrat billigt das Sanierungskonzept der Unternehmensberatung Roland Berger. Es sieht den Abbau von 900 Mitarbeitern und die Verlagerung der Fernsehproduktion von Nürnberg nach Wien vor.

09.05.2001: Hans-Peter Kohlhammer wird neuer Grundig-Vorstandschef.

Juni 2001: Grundig verlagert seine Fernsehgeräteproduktion von Nürnberg nach Wien.

02.07.2001: Grundig kündigt die Suche nach einem starken Finanzpartner an.

13.09.2001: Die Sparte Formenbau wird verkauft.

31.12.2001: Die Verluste aus 2001 belaufen sich auf 150 Mio. Euro. Die Eigenkapitaldecke ist mit 31 Mio. Euro äußerst dünn. Grundig beschäftigt noch knapp 5.400 Mitarbeiter, in Wien sind es noch 1.150.

16.05.2002: Vorstandschef Kohlhammer kündigt schwarze Zahlen für das Jahr 2003 an.

10.06.2002: Die japanische Fujitsu Ten Ltd. beteiligt sich an der Autoradio-Sparte.

05.09.2002: Mit dem taiwanesischen Sampo-Konzern wird eine Absichtserklärung über eine Beteiligung unterzeichnet. Die Banken erweitern die Kreditlinien. Das Wiener Werk soll verkauft werden.

21.12.2002: Die Grundig AG einigt sich mit dem österreichischen Industriellen Mirko Kovats über die Veräußerung des Werkes in Wien. Kovats will die Wiener Produktion mit noch rund 1.000 Mitarbeitern fortführen.

30.12.2002: Grundig ist mit dem Sampo-Konzern "grundsätzlich einig".

08.01.2003: Sampo unterzeichnet in München einen Vertrag zur Übernahme von Grundig. Grundig beschäftigt noch rund 2.800 Mitarbeiter, davon 1.300 in Deutschland. In Wien präsentiert Kovats Pläne, nach denen das Werk künftig wieder unter "Minerva" produzieren soll.

26.02.2003: Kovats einigt sich mit der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) über Kreditnachlässe, aus Deutschland kommen aber neue Bedingungen an den Käufer. Grundig-Deutschland will bei Zulieferungen aus Wien an andere Elektronikhersteller auch künftig mitsprechen. Kovats lehnt dies ab.

04.03.2003: Die Übernahme durch Sampo platzt. Die Vorstellungen lägen zu weit auseinander, teilt Grundig mit. Zugleich wird eine Absichtserklärung mit dem türkischen Beko-Konzern für eine mehrheitliche Übernahme unterzeichnet.

28.03.2003: Der Grundig-Konzern kündigt den Vertrag mit Kovats. Der Verkauf des Wiener Werks ist damit vorerst gescheitert.

01.04.2003: Beko ist an einer Weiterführung des Werks in Wien-Meidling mit mittlerweile nur noch 720 Mitarbeitern nicht interessiert.

07.04.2003: Beko gibt in einer Mitteilung an die Istanbuler Börseseinen Verzicht auf die Übernahme von Grundig bekannt.

2.3.2003 08:32