Samstag, 1. März 2003

Schweizer Segeljacht "Alinghi" gewinnt America's Cup

  • Erster europäischer Sieg in der 152-jährigen Geschichte

Die Alinghi hat Segelgeschichte geschrieben. Das Genfer Syndikat gewann in der Nacht auf Sonntag vor Auckland auch die fünfte Regatta des America's Cup gegen Titelverteidiger Team New Zealand und sicherte erstmals einem europäischen Land, noch dazu einem Binnenland, den wichtigsten Pokal im Segelsport und die älteste Sporttrophäe überhaupt.

Endstand in der best-of-nine-Serie: 5:0. Damit kehrt der Cup nach 152 Jahren wieder auf den Kontinent zurück, den er 1851 von Cowes in England aus verlassen hatte. Die Schweiz ist nach den USA, Australien und Neuseeland erst das vierte Land, das den Cup in seinen Besitz nehmen durfte.

Erster Matchball genützt
Alinghi ließ auch beim ersten von fünf Matchbällen nichts anbrennen. Der Neuseeländer Russell Coutts steuerte die "SUI 64" einmal mehr in Perfektion über die Startlinie, worauf die Schweizer sofort das Kommando übernahmen und das Rennen stets kontrollierten. Den Neuseeländern brach zu allem Übel auf dem zweiten Vorwindkurs nach einem Crewfehler auch noch der Spinnakerbaum. Obwohl die Titelverteidiger rasch Ersatz hatten, waren sie in der Folge chancenlos und überquerten mit 45 Sekunden Rückstand das Ziel. Alinghi ist bei der 31. Austragung das erste Syndikat, das bei der ersten Teilnahme gleich den Titel gewann.

Überlegene Alinghi
Das 5:0 gibt die Kräfteverhältnisse exakt wieder. Alinghi war in den 16 Tagen (vor allem Flaute, aber auch zu starker Wind waren etliche Tage Spielverderber) in allen Belangen überlegen. Allerdings gelang es in den vergangenen fünf Monaten ohnehin praktisch keinem Team, Coutts und Co wirklich aus der Reserve zu locken. Die Alinghi musste sich nur in drei von insgesamt 35 Regatten geschlagen geben, ab dem Viertelfinale - gegen Prada, zweimal gegen Oracle und jetzt gegen die Neuseeländer - betrug das Verhältnis sogar 18:1.

Skipper Coutts stolz auf sein Team
"Wir haben uns seit Beginn des Louis-Vuitton-Cups enorm entwickelt und hatten zuletzt praktisch keine nennenswerten Schwächen mehr", war sogar Coutts zufrieden. Der Perfektionist gab aber zu, dass er zu Beginn des Programms nicht mit einem derartigen Resultat gerechnet habe: "Ende 2000 hätte ich nicht gedacht, dass wir gewinnen können. Es ist uns aber gelungen, alle Kulturen unter einen Hut zu bringen. Ich bin sehr stolz auf das Team."

Maßlose Enttäuschung in Neuseeland
Team New Zealand hingegen enttäuschte seine zahlreichen Fans maßlos. Großen Worten folgten keine Taten. Eine realistische Siegeschance gab es nur in der zweiten Regatta, die Chance bleib aber ungenutzt und im Ziel fehlten sieben Sekunden zum Tagessieg. Sobald etwas mehr Wind aufkam, als im neuseeländischen Sommer prognostiziert worden war, erwies sich die "NZL 82" als extrem unzuverlässig und war zwei Mal sogar zur Aufgabe gezwungen. "Wir haben einfach viel mehr auf dem Wasser trainiert als der Gegner", befand Alinghis deutscher Sportdirektor Jochen Schümann, der seine Truppe jeweils um 6.30 Uhr zum Frühsport geladen und dann bis weit in die Abendstunden auf Trab gehalten hatte.

Teamwork als Schlüssel zum Erfolg
Es zeigte sich auch, dass die "Kiwis" den Abgang von 12 Mann ihrer siegreichen Stammcrew aus dem Jahr 2000 nicht zu kompensieren in der Lage waren. Das betraf vor allem auch Skipper Dean Barker, der seinem Vorgänger Russell Coutts nicht das Wasser reichen konnte. Die Schwächen des Titelverteidigers sollen den Erfolg der Alinghi-Crew indes nicht schmälern. Der Erfolg ist ein Paradebeispiel für tolles Teamwork, wenngleich untrennbar mit den Namen von Ernesto Bertarelli und Russell Coutts verbunden.

Bertarelli stellte nicht nur einen großen Teil des Budgets (rund 65 Millionen Euro) zur Verfügung, sondern überließ den Aufbau des Teams auch komplett den weltbesten America's-Cup- Spezialisten unter der Regie von Coutts, seinem Jugendfreund Michel Bonnefous (Exekutivdirektor) und Segelteamchef Jochen Schümann.

Rekordmann Coutts
Russell Coutts nutzte seine Freiheit zu einer Demonstration des Erfolgs. Der 41-Jährige wurde seiner Reputation als weltbester Steuermann im Matchracing einmal mehr gerecht und verpatzte praktisch kein einziges Manöver. Er hat nun 14 America's Cup-Regatten in Folge (neuer Rekord) gewonnen und egalisierte mit seinen drei Erfolgen (1995, 2000,2003) die Triple-Siege von Charlie Barr (1899,1901,1903) und Harald Vanderbilt (1930,1934,1937).

Wie geht es nun weiter? Alinghi will das Reglement etwas entstauben. Gleich nach der Zieldurchfahrt der Schweizer Yacht hat sich der "Golden Gate Yacht Club" aus San Francisco, das Syndikat von Larry Ellison mit der Oracle, als offizieller Herausforderer gemeldet. Unklar sind Austragungsort und -jahr. Verschiedene Mittelmeerorte und/oder Cascais bei Lissabon stehen zur Wahl. Termin könnte 2007 sein.

1.3.2003 10:19