Sonntag, 23. Februar 2003

Historiker: NS-Entschädigungen oft nur halbherzig

  • Aber auch Vorwurf der Untätigkeit falsch
  • Opferthese führte zu fehlender Großzügigkeit

"Oft nur halbherzig und teilweise recht zögerlich" hat die Republik Österreich nach 1945 bei der Entschädigung der Nazi-Opfer agiert. Zu diesem Schluss kommt die seit Herbst 1998 arbeitende Historikerkommission, die am Montag ihren offiziellen Endbericht präsentiert hat. Auf insgesamt 14.000 Seiten werden der Raub durch das NS-Regime und die Versuche der Wiedergutmachung akribisch nachgezeichnet.

Einfache Antworten oder eine Bilanz muss die Kommission dabei schuldig bleiben. Dass Österreich gar nichts für die Opfer unternommen habe, stimme aber nicht, wird betont.

Wörtlich heißt es dazu im zusammenfassenden Schlussbericht: "Allerdings ist der Vorwurf unzutreffend, dass die Republik Österreich nichts unternommen habe, um Vermögenswerte zu restituieren oder Leiden zu mildern. Wahr ist aber auch, dass Maßnahmen zur Rückstellung und Entschädigung oft nur halbherzig und teilweise recht zögerlich - allzu oft nur aufgrund äußeren Drucks besonders durch die Westalliierten - getroffen wurden und dass die Probleme vor allem im Detail aufgetreten sind."

Opferthese
Wurzel des Übels sei oftmals der "Missbrauch der 'Opferthese'", nach der die Republik Österreich 1938 überfallen worden war und ihr die Untaten des NS-Regimes daher nicht zugeschrieben werden konnten. Diese Leugnung der Mitverantwortung habe dann auch dazu geführt, dass eine notwendige "freimütige Großzügigkeit" gefehlt habe.

Systematisch beraubt worden waren jedenfalls mehrere Bevölkerungsgruppen. Bei den Juden zerstörte die "Arisierung", die wirtschaftliche Schädigung, die gesamte soziale und individuelle Existenz, sie ging einher mit Vertreibung und Vernichtung. Rund 200.000 Juden lebten in Wien vor 1938, in Wien überlebt hatten bis 1945 etwa 1.000. Von den rund 11.000 Roma und Sinti wiederum haben nur ca. 1.500 bis 2.000 die NS-Herrschaft überlebt. Vor allem Liegenschaften der Umgekommenen blieben praktisch durchgehend unbeansprucht und fielen oft an die Republik.

Thema sind aber auch die Kärntner Slowenen, die Tschechen, die Kroaten und Ungarn, Homosexuelle und politisch Verfolgte. Von Raub und Vermögensentzug betroffen waren aber nicht nur Einzelpersonen, sondern auch verschiedenen Organisationen und Vereine sowie die Kirchen und Unternehmen.

23.2.2003 22:24