Sonntag, 23. Februar 2003

Ikone und vielgeehrter "Mr. Opera"

  • Populär wie kein anderer

Eine Umfrage würde ihm wahrscheinlich höhere Bekanntheitswerte bescheinigen als den meisten Politikern und Zelebritäten Österreichs: Marcel Prawy war der "Opernführer der Nation" und als solcher war er bis zu seinem Lebensende medial nahezu omnipräsent. Kaum eine Ehrung, einen Orden, die Marcel Frydmann Ritter von Prawy noch nicht erhalten hätte (zuletzt stellte sich Wiens Bürgermeister Michael Häupl mit dem "Goldenen Rathausmann" ein).

Generationen von Musikliebhabern und Opernfans hat er mit seiner Begeisterung angesteckt, mit seinem Fachwissen gebildet und mit seinem Charme gefangen genommen. Er war ein nicht wegzudenkender Bestandteil des Opernlebens, bekannt weit über die Grenzen des Landes hinaus. Von seinen Fans wurde er verehrt wie ein Opernstar, von anderen wurde sein stets begründetes, doch eigenwilligen Urteil und seine spitze Zunge gefürchtet. Heute, Sonntag, ist Marcel Prawy, Träger höchster Auszeichnungen und verschiedenster klingender Beinamen wie "Mister Opera" oder "Opernführer der Nation" im 92. Lebensjahr verstorben.

Körperlich sah man ihm zuletzt seine Jahre an, die er ab dem zwölften Lebensjahr vorzugsweise in der Wiener Oper und anderen Opernhäusern der ganzen Welt verbrachte, geistig war er nach wie vor topfit und jederzeit willens und in der Lage, selbst gestandene Operndirektoren wie Ioan Holender mit leidenschaftlichen Attacken und einem unerschöpflichen Fundus an Anekdoten und opernhistorischen Einzelheiten in die Defensive zu drängen. Im Vorjahr widmete das Theatermuseum Prawy zum 90er unter dem Titel "Glück das mir verblieb" eine eigene Ausstellung, für die sein legendäres Plastiksackerl-Archiv geplündert wurde.

Geboren wurde Marcel Horace Frydman, Ritter von Prawy, am 29. Dezember 1911 in Wien, wo er zum Doktor der Rechtswissenschaften promovierte und bei Egon Wellesz Musik studierte. Als Stammgast im legendären Stehparterre der Wiener Oper erlebte er viele "historische Opernschlachten" mit. Er wurde persönlicher Sekretär des Sängers Jan Kiepura und blieb nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als Emigrant in den USA. Dort begründete er u.a. seine lebenslange Freundschaft mit Leonard Bernstein. 1946 kam Prawy als amerikanischer Kulturoffizier nach Wien zurück.

1955 wurde Prawy als Dramaturg an die Volksoper berufen und verhalf dort später auch als Produktionsleiter dem US-Musical zum Durchbruch in Wien. Mit "Kiss me Kate" brachte er zum ersten Mal und mit großem Erfolg ein Musical in einem staatlichen Opernhaus heraus, es folgten Produktionen von Gershwins Oper "Porgy and Bess" sowie der Musicals "West Side Story", "Showboat" und "Annie, Get Your Gun".

Ungeachtet seines Engagements für das Musical blieb die Oper doch die ganz große Liebe von Marcel Prawy. 1972 engagierte ihn Direktor Rudolf Gamsjäger als Staatsopern-Chefdramaturg. Als solcher machte er die Einführungs-Matineen zu einer viel beachteten Institution, in der
- wie auch in seinen vielen Fernsehsendungen - neben Information immer auch die Unterhaltung zu ihrem Recht kam. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten wohl kaum einen Sänger, eine Sängerin, von Rang, den Prawy nicht persönlich kannte, kaum ein Opernwerk, dessen Entstehungs- und Aufführungsgeschichte er nicht haarklein Bescheid wusste. Marcel Prawy war einzigartig. Er wird durch nichts und niemanden zu ersetzen sein.

23.2.2003 18:47