Mittwoch, 19. Februar 2003

Nie wieder Pocken? -Vorsorge gegen Bio-Terrorismus

  • Staaten decken sich mit Impfstoff ein
  • Reale Gefahr oder übertriebene Ängste?

Die Pocken - Die heimtückische Krankheit forderte noch 1967 zwischen zehn und 15 Millionen Tote. Die Sterberate bei Infizierten lag zwischen 20 und 50 Prozent. 1977 wurde der Erreger nach langem Kampf für ausgerottet erklärt. Dann gab es Diskussionen über die Vernichtung der angeblich letzten "Bestände" des Erregers, die in den Waffenlagern des Westens und anderer Länder schlummerten.

Im Jahr 2003 sind die Pocken plötzlich wieder Diskussionspunkt. Staaten decken sich mit Impfstoff ein, Notfallpläne werden aufgestellt, es gibt politische Diskussionen über Sinn- bzw. Sinnlosigkeit solcher Vorsorgemaßnahmen.

"Ich war 1973 bis 1976 - damals noch ein kleiner Assistent - in Bangladesch. Das Erlebnis des Erfolges stellt die schönste Zeit in meinem Leben dar", erklärte der Wiener Epidemiologe Univ.-Prof. Dr. Christian Vutuc 1987 aus Anlass des zehnten Jahrestages der Ausrottung dieser Geißel der Menschheit. Vutuc war wohl einer der ganz wenigen Österreicher, die samt "Spritze" im Rahmen der Kampagne zur Ausrottung der Pocken in einem Entwicklungsland von Ort zu Ort zog, um Menschen - die Menschheit - von der Gefahr zu befreien.

Schleichende Gefahr
"Variola", "Smallpox", "Pocken" und "Blattern": Diese Seuche ängstigte die Menschheit seit sprichwörtlichem Menschengedenken: Hervorgerufen wird sie durch das Orthopox-Virus (Variola-Virus). Übertragen wurde sie durch Tröpfchen-, Schmier- und/oder Staubinfektion. Das Tückische: Die Inkubationszeit betrug sieben bis elf Tage, was Ausbrüche schwer beherrschbar machte.

Am Beginn der Erkrankung standen hohes Fieber, Kopf-, Rücken- und Gliederschmerzen. Erst im "Eruptionsstadium" traten die typischen Hautveränderungen (Pusteln) auf. Narben blieben zurück.

Dass die gefährliche Infektionskrankheit im Rahmen einer Bio-Terrorismus-Attacke wieder zu einem Schrecken werden könnte, wäre jedenfalls eine der größten Niederlagen der Menschheit. 1796 bewies der britische Arzt Edward Jenner mit seinen Kuhpocken-Impfungen ("Vaccinia"), dass man Menschen vor der Infektion schützen konnte. Das war der erste wissenschaftlich bewiesene Erfolg einer Schutzimpfung. Trotzdem dauerte es bis 1977, dass (vorläufige) Entwarnung gegeben werden konnte.

Angst
Die Bio-Terrorismus-Debatte - ob mit echtem Hintergrund oder nur ein Schreckgespenst - ließ jedenfalls die Politiker handeln. "Es kann sich niemand leisten, keine Vorsorge zu treffen. Was würde man der Öffentlichkeit sagen, wenn ein Fall aufträte und man nicht vorbereitet wäre?", erklärte ein österreichischer Experte.

Umsatz
Für manche "Branchen" bedeutet das natürlich ein Geschäft. So bestellten mehrere europäische Regierungen beim Schweizer Impfstoff-Produzenten Berna Biotech den noch aus Zeiten der Ausrottungskampagne stammenden "Lancy-Vaxina"-Impfstoff. Berna verfügte noch über große Bestände. Der ab 2001 lukrierte Umsatz: mindestens rund 100 Millionen Euro.

Einen "Vogel" schossen auch die Wissenschafter bei Baxter in Wien (ehemals Immuno) ab. Bereits vor einigen Jahren entwickelten sie eine völlig neue Methode zur Herstellung von Vakzinen in Gewebekulturen. Damit lässt sich eine Impfstoffherstellung binnen zwei Wochen hochfahren. Die Methode wird in Zukunft auch für die Produktion von Influenza-Impfstoffen zur Verfügung stehen.

19.2.2003 11:40