Dienstag, 11. Februar 2003

Neuer Index: Deutsche Börse wird internationaler

  • Einführung von TecDAX besiegelt Ende des Neuen Marktes
  • Neugestaltung soll ab 24. März greifen

Die deutsche Börsenarchitektur wird künftig straffer, internationaler und nach Branchen aufgeteilt. Damit steht die deutsche Index-Landschaft vor einer umfangreichen Neugestaltung, die am 24. März greifen soll. Beim Deutschen Aktienindex DAX wird sich abgesehen vom möglichen Rauswurf des Finanzdienstleisters MLP zwar nicht viel ändern. Mit dem TecDAX wird ein völlig neuer Index geschaffen. Das Ende des Neuen Marktes wird damit endgültig besiegelt. Aktionärsschützer und Investoren loben das Reformkonzept als "logisch", "schlüssiger als bisher" oder zumindest als "interessant".

Wer einen Platz in der neuen Indexwelt findet, entscheidet der Arbeitskreis Aktienindizes, ein Beratergremium der Deutschen Börse, am Dienstagabend. Die spannendste Frage ist für viele: Fliegt der Finanzdienstleister MLP aus dem wichtigsten deutschen Auswahlindex DAX? Die starken Kursverluste haben den Börsenwert der Heidelberger gefährlich nach unten gedrückt. Nachfolger könnte der Körperpflegespezialist Beiersdorf oder die Telekom-Tochter T-Online sein. Außenseiterchancen werden auch dem Autozulieferer Continental beigemessen.

Deutliche Änderungen
Unterhalb des DAX ändert sich die Index-Landschaft deutlich. Die Börsenbarometer werden zum Teil verkleinert, nach klassischen und Technologiebranchen aufgeteilt und öffnen sich ausländischen Firmen. Klassische Industriezweigen finden in MDAX und SDAX ihre Heimat, Technologiefirmen gehören in den TecDAX. Der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS dürfte von der Internationalisierung profitieren und vor dem Sprung in den MDAX für mittelgroße Industrieunternehmen stehen.

Neuer Technologieindex TecDAX
Im Schatten des DAX-Roulettes werden auch die Plätze im neuen Technologieindex TecDAX verteilt. Wichtigste Aktie in dem Nachfolgeindex für den Neuen Markt wird wohl T-Online sein. Im TecDAX finden sich jedoch nicht nur Aktien des abgeschafften Neuen Marktes wieder, sondern mit dem Bauelementehersteller EPCOS sogar ein ehemaliges DAX-Mitglied. Ehemalige Neue-Markt-Firmen wie das Logistikunternehmen Thiel Logistics werden wegen ihrer Branchenzugehörigkeit dagegen im MDAX einsortiert.

Um überhaupt einem Auswahlindex anzugehören, müssen Aktiengesellschaften allerdings die Zulassung für die neue Börsenoberliga "Prime Standard" besitzen. Dort gelten strengere Transparenzregeln wie die Pflicht zu Quartalsberichten, internationaler Rechnungslegung oder die Einberufung von Analystenkonferenzen. Alle übrigen Unternehmen kommen in den "General Standard". Dort gilt das gesetzliche Minimum.

Öffentliches Recht
Die gesamte Börsenlandschaft ist außerdem künftig im Öffentlichen Recht verankert. Anders als die üblichen Segmente waren der Neue Markt und der SMAX für kleine Unternehmen bisher privatrechtlich organisiert. Mit diesem rechtlichen und organisatorischen Durcheinander verschiedener Börsensegmente ist somit Schluss. Das macht sie auch reformfähiger. Änderungen am Neuen Markt scheiterten nicht zuletzt an dessen privater Organisation, die Reformen erheblich erschwerte.

Künftig kann durch die Änderung auch eine Aktie des ehemaligen Neuen Marktes bis in den DAX aufsteigen, hebt die Fondsgesellschaft Union Investment hervor. Der Neue Markt war dagegen ein geschlossener Kosmos für sich. Auch mit der Verkleinerung der Indizes hat die Börse dem Wunsch vieler Anleger nachgegeben. Für die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) sind insbesondere die strengen Regeln für den "Prime Standard" ein Pluspunkt für die Aktionäre.

Vereinzelt gibt es jedoch auch Kritik. Die Reform berge die Gefahr, dass Unternehmen aus dem "General Standard" nur noch stiefmütterlich behandelt würden, lautet eine Sorge. Denn für sie ist vorerst kein Extra-Index vorgesehen. Auch die Trennung von klassischen und technologischen Branchen unterhalb des DAX wird hinterfragt. "Die Zeiten, in denen Technologieunternehmen anders bewertet wurden als klassische Branchen, sind schließlich vorbei", heißt es.

11.2.2003 09:17