Montag, 10. Februar 2003

"Silber-Meissi" denkt schon Olympia 2006

  • Gendarmerie-Beamtin will noch lange "weiterrasen"
  • PLUS: Ihr Gold-Tipp: Wie viele WM-Medaillen holt Österreich?

Drei Jahre lang hat Alexandra Meissnitzer gelitten, jetzt lacht sie wieder: Mit Abfahrts-Silber in St. Moritz, ihrer ersten Medaille seit der schweren Knieverletzung im November 1999 und der ersten in der Abfahrt überhaupt, hat die 29-jährige Salzburgerin nicht nur alle Prognosen sondern auch die eigenen Erwartungen auf den Kopf gestellt. Fast wollte sie ihre Ski schon ins Eck stellen, aber jetzt denkt "Meisi" sogar bis Olympia in Turin 2006!

Gerade ein schnelles Bier und ein kurzer Plausch am Zimmer mit Renate Götschl gingen sich für Meissnitzer nach der Abfahrtsüberraschung aus, und auch am Abend in Mitte der Meisi-Musik und in den Armen ihres Vaters Hans hatte die Abtenauerin keine Zeit für große Analysen der Sensation. "Hatte ich aber auch gar nicht vor. Im Super G habe ich mich über den Fehler geärgert, aber mit Silber in der Abfahrt habe ich einfach nicht gerechnet", betonte Meissnitzer.

Vertrauen machte sich bezahlt
Niemand hatte damit gerechnet. Erst seit dieser Saison hat die karenzierte Gendarmerie-Beamtin die Abfahrt überhaupt wieder ernsthaft in ihr Programm genommen, "weil du ja drei Disziplinen brauchst, wenn du irgendwann wieder an den Gesamt-Weltcup denkst". In St. Moritz hätte sie nach katastrophalen Trainings eigentlich aus der Mannschaft fliegen müssen, die Trainer stellten sie aber nie in Frage und dieses Vertrauen lohnte sich.

Radikale Umstellungen vor dem Rennen
Nicht ganz zufällig freilich. Denn Meissnitzer änderte am Abend vor der Abfahrt zusammen mit Ex-Rennläufer Sebastian Vitzthum (jetzt ÖSV-Marketing) und ihrem Servicemann Rainer Hofer ihr komplettes Renn-Set-Up. In die Schuhe kamen Klebestreifen, um planer zu stehen und das Gleitverhalten zu verbessern, die Skibindung wurde um einen Zentimeter nach vorne versetzt. "Ich hatte nach dem Training nicht den Hauch einer Chance, ich musste etwas radikal verändern", erklärte Meissnitzer diese Ho-Ruck-Aktion. "Ich wusste, entweder es geht gut oder total in die Hose."

Kein Ärger über "verlorenes" Gold
Es ging gut. Aber nur fast, wie einige Journalisten angesichts des im Zielhang "verlorenen" Goldes meinten. "Typisch österreichisch. Für mich ist Silber der reine Wahnsinn, sogar Bronze wäre super gewesen", konterte Meissnitzer. Sie habe jahrelang kaum Stiegen steigen, den Tag des ersten schmerzfreien Trainings kaum noch erwarten können.

Die Erklärung der "zu 20 Prozent Invaliden" (Meissnitzer) also: "Ich bin den Steilhang vor dem letzten Sprung zu direkt gefahren und hatte damit zu wenig Tempo für das Finish." An den Ski sei es sicher nicht gelegen. "Die gingen wie die Hölle, ich hab' mich mit ihnen fast 'derrent', so schnell waren sie."

Die Angst vor dem vierten Platz
Typisch für Meissnitzer war, dass sie im Ziel zunächst nicht überschäumenden Jubel gezeigt hatte. "Ich hab' zwar gedacht, ich spinne, als ich die Zeit sah, aber gleichzeitig auch gefürchtet, dass die Piste schneller wird, zwei noch Bessere kommen und ich eh wieder nur Vierte werde." Meissnitzer pur also, ist doch die immer noch zu Hause unter einem Dach mit den Eltern (Hans und Katharina), Bruder Sebastian sowie Schwester Kathrin und Nichte Lisa ("mein Liebling") wohnende "Meisi" ("Nirgendwo sonst geht es mir so gut") eine Zweiflerin wie sie im Buche steht.

Nächstes Ziel: Sieg im Weltcup
Logisch also, dass sie ihre weitere Karriere "genauso engstirnig" (Meissnitzer) wie bisher angehen will. "Mein Ziel ist weiter, endlich wieder ein Weltcup-Rennen zu gewinnen. Den Wahn, dass ich jetzt aber in der Abfahrt etwas bestätigen muss, habe ich nicht." Deshalb vermisse sie das unbeschwerte und schmerzfreie Aufstehen der Zeit vor ihrer Verletzung schon sehr, "denn ab jetzt hängt alles vom Fuß ab".

Macht Meissnitzer bis 2006 weiter?
Macht der mit, wird sie womöglich sogar bis zu den Bewerben 2006 in Sestriere fahren. "Nach dem Super G habe ich gedacht, alle können mir den Buckel runter rutschen", gestand sie. "Aber ich kämpfe doch nicht so lange und gewinne eine Medaille, nur um jetzt aufzuhören. Wenn es das Knie zulässt, ist Olympia durchaus vorstellbar."

10.2.2003 12:17