Freitag, 14. Februar 2003

Impotenz: Mehr als 600.000 Österreicher betroffen

  • Neues Medikament zur Behandlung der erektilen Dysfunktion
  • Wirkung hält bis zu 24 Stunden an

Mehr als 600.000 Männer in Österreich sind davon betroffen: Impotenz. Für 56 Prozent der Patienten mit einer solchen erektilen Dysfunktion (ED) bedeutet das neben Verlust an Selbstwertgefühl und Lebensqualität auch noch Depressionen. Neues Medikament - Wirkung bis zu 24 Stunden!

Mit Tadalafil ("Cialis") steht jetzt in Österreich ein weiteres Medikament zur Behandlung zur Verfügung. Ein möglicher Vorteil des Sildenafil-Nachfolgers ("Viagra"): Die Wirkung hält mindestens 24 Stunden an.

Impotenz tabuisiert
Insgesamt wird die Impotenz noch immer tabuisiert, von den betroffenen Männern oft nicht einmal mit den Lebenspartnerinnen besprochen und zu lang ohne Behandlung "erduldet". Der Wiener Männer-Gesundheitsexperte Univ.-Prof. Dr. Siegfried Meryn Freitag Mittag bei einer Pressekonferenz in Wien: "Weltweit sind mehr als 100 Millionen Männer betroffen. Im Jahr 2025 dürfte es rund 325 Millionen Patienten geben. In Österreich schätzt man die Zahl der ED-Patienten auf 600.000 bis 700.000. Der Anteil der Männer, die sich konstant behandeln lassen, liegt bei nur etwa vier bis fünf Prozent. In den USA schätzt man diesen Anteil auf 15 bis 20 Prozent. Männer sind weitgehend 'sprachlos'."

Kaum Vorsorge-Untersuchungen
Das gilt auch für andere Aspekte der Männergesundheit. Meryn: "Es kann kein Zufall sein, dass Männer jedes Jahr ihr Auto sehr sorgfältig zur Pickerl-Untersuchung bringen. Bei der Gesundheit ist das ganz anders. Männer gehen nicht zur Vorsorgeuntersuchung. Männer lassen sich nicht gegen die Influenza impfen. Bei Symptomen warten sie zu."

Früher: Selbstinjektion
Nach der Selbstinjektion von Prostaglandin E in den Penis - als vor einem Jahrzehnt erstes gut wirksames und nebenwirkungsärmeres Mittel zur Behandlung der erektilen Dysfunktion - brachte Sildenafil vor einigen Jahren als erstes Impotenz-Mittel in Tablettenform eine wesentliche Verbesserung. Dann kam ein Apomorphin-Präparat (Tabletten), das auf das Gehirn wirkt. Mit Tadalafil bringt jetzt der US-Pharmakonzern Eli Lilly nach Sildenafil den zweiten Phosphodiesterase-Hemmer auf den Markt. In den Startlöchern steht auch noch das ähnliche Vardenafil (Bayer/Glaxo).

Dr. Tobias Eichhorn (Eli Lilly): "Die (körpereigene, Anm.) Substanz zyklisches Guanosin-Monophosphat führt im Penis zur Entspannung der glatten Gefäßmuskultur und bewirkt die Erektion. Die 'Entsorgungsstation' dafür ist das Enzym Phosphodiesterase 5. Mit Tadalafil tritt man also bei dieser 'Entsorgungsstation' auf die Bremse." - Das Resultat ist bei Behandelten eine bessere Erektionsfähigkeit.

Das geschieht durch das Molekül ausgesprochen lange: Die Halbwertszeit im Blut beträgt 17,5 Stunden. Die Wirkungsdauer bei Patienten mit erektiler Dysfunktion beträgt dadurch mindestens 24 Stunden. Der Effekt setzt laut den Angaben aus klinischen Studien bereits innerhalb der ersten halben Stunde (auch schon ab ca. 15 Minuten) nach Einnahme einer Tablette (zehn oder 20 Milligrmm) ein und wird nicht durch zuvor erfolgtes Essen oder Alkoholkonsum verringert.

Mehrere Studien
Urologe Dr. Michael Dunzinger vom Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz fasste bei der Pressekonferenz die Studiendaten bei der Behandlung der erektilen Dysfunktion mit Tadalafil zusammen: "Es gab insgesamt fünf Studien mit Placebo-Kontrolle mit 1.112 Patienten über zwölf Wochen hinweg. Die Betroffenen waren durchschnittlich 59 Jahre alt, mehr als 90 Prozent hatten länger als ein Jahr die erektile Dysfunktion. 21 Prozent waren Diabetiker, 30 Prozent hatten Bluthochdruck."

Bei der Anwendung von zehn Milligramm des Wirkstoffes konnten 61 Prozent der Probanden (Scheinmedikament: 18 Prozent) den Geschlechtsverkehr "erfolgreich" vollziehen. Bei Verwendung der 20-Milligramm-Tabletten lag diese Rate bei 75 Prozent. Gute Ergebnisse wurden auch bei Diabetikern (49 bzw. 58 Prozent) registriert. 80 Prozent der Probanden äußerten sich insgesamt zufrieden.

Laut Dunzinger sind die in Tablettenform einnehmbaren Enzym-Hemmer heute die Therapie der ersten Wahl bei erektiler Dysfunkion. "Wir haben sehr viel von Apomorphin erwartet, weil es einen anderen Wirkungsort, im Gehirn, hat. Wir wurden in unseren Erwartungen aber leider enttäuscht."

Bei Männern nach radikaler Prostata-Karzinom-Operation, Bestrahlung (kleines Becken) bzw. nach Enddarmoperationen (Krebs) entfalten "Viagra & Co." oft leider nur eine unzureichende Wirkung auf dadurch bedingte Impotenz. Hier wird häufig zu den Prostaglandin-Selbstinjektionen gegriffen.

Laut einer anonymisierten schriftlichen Umfrage von Fessl-GfK in 53 österreichischen Apotheken unter 200 Patienten mit erektiler Dysfunktion gehen nur die Hälfte der Betroffenen innerhalb eines Jahres zum Arzt, wenn die "Schwäche" auftritt. Für 45 Prozent von ihnen ist aber ein möglichst normales Sexualleben sehr wichtig. 70 Prozent der Patienten unter Sildenafil-Behandlung gaben dabei an, dass bei ihnen die Zufriedenheit mit ihrem Leben sehr stark oder zumindest etwas gestiegen sei.

14.2.2003 13:36