Montag, 3. Februar 2003

Columbia-Absturz stellt Boeing vor neue Probleme

  • Boeing ist größter Anbieter für US-Raumfahrtbehörde NASA
  • Verzögerungen bei Aufbau der Raumstation ISS befürchtet

Der Absturz der Raumfähre "Columbia" dürfte den US-Luft- und Raumfahrtkonzern Boeing nach Einschätzung von Experten vor neue Probleme stellen. Das Unternehmen, das derzeit vor allem mit dem Auftragsschwund aus der zivilen Luftfahrt zu kämpfen hat, ist größter Anbieter für die US-Raumfahrtbehörde NASA.

Nach Einschätzung von John Rogers, Raumfahrtanalyst für die Investmentfirma D.A. Davidson & Co. in Portland, werden alle Anbieter in der Raumfahrtbranche die Auswirkungen der Explosion zu spüren bekommen. "Es gibt noch viele Unklarheiten, aber mir scheint es, dass es nicht viele Investitionen in Raumfahrtprogramme geben wird, so lange wir nicht herausgefunden haben, was passiert ist. Jeder, der an der Belieferung von Raumfahrtprogrammen beteiligt ist, wird betroffen sein", sagte Rogers.

Boeing baut seit 1996 Raumfähren
Seit der Übernahme der Raumfahrtsparte von Rockwell International im Jahr 1996 baut Boeing Raumfähren und ist zugleich über ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem größten US-Rüstungskonzern Lockheed Martin für die Wartung des Raumgleiters verantwortlich. Boeing baut, testet und wartet außerdem die wichtigsten Raketenantriebe.

Sollte die jetzige Boeing-Raumfahrtflotte jedoch zu Gunsten modernerer Modelle ausgemustert werden, könnten Boeing und Lockheed nach Ansicht einiger Branchenkenner letztlich davon sogar profitieren. Dies gelte auch, wenn die Firmen kurzfristig Einbußen für Wartungs- und Modernisierungsarbeiten hinnehmen müssten. Wenn allerdings der Auftrag dann an kleinere Anbieter mit Spitzentechnologie gehe, könnten Boeing und Lockheed vom Markt gedrängt werden.

In jedem Fall sei zunächst größte Vorsicht im Hinblick auf die Prognosen angesagt, solange die Ermittlungen über die Absturzursache andauerten. "Man kann über viele Auswirkungen spekulieren", sagte Marco Caceres, Analyst bei der Raumfahrt- und Rüstungsberaterfirma Teal Group bei Washington.

"Ich glaube, dass die größten Folgen die Raumstation betreffen werden", sagte Caceres und verwies auf die Internationale Forschungsstation ISS, die 1984 durch den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan ins Leben gerufen wurde. Die Raumstation, die so groß ist wie mehrere Fußballfelder, wird derzeit mit Hilfe von insgesamt 17 Nationen im All zusammengebaut. Die einzelnen Raumfahrtmissionen liefern Material und Versorgung.

Boeing, größter Zulieferer der Raumstation, war in der Vergangenheit mehrfach wegen überhöhter Kosten in die Kritik geraten. Jede Verzögerung bei Missionen und damit bei der Versorgung der Station, bedeute letztlich noch höhere Kosten, sagte Cacares. Dies könne zudem dazu führen, dass die USA stärker auf die Bestückung der Station durch russische Raumfahrtmissionen angewiesen seien.

Seit 2001 gingen 30.000 Jobs verloren
Boeing, weltweit größter kommerzieller Flugzeughersteller und zweitgrößter Rüstungsanbieter der USA, hat seit den Anschlägen vom 11. September 2001 rund 30.000 Arbeiter abgebaut. Aufträge von Regierung, Fluggesellschaften und anderen Kunden sorgen bei dem Konzern für einen jährlichen Umsatz von mehr als 50 Milliarden Dollar - allerdings mit abnehmender Tendenz.

3.2.2003 10:15