Samstag, 8. Februar 2003

"Slalomläufer" Walchhofer ist Abfahrts-Weltmeister

  • Salzburger Riese ließ auch einstiges Vorbild Maier hinter sich
  • PLUS: Feuern Sie unsere Ski-Asse an! Und: Abfahrts-Favoriten!

Vier Mal in diesem Skiwinter war er als Zweiter klassiert worden, doch am Samstag schlug bei den alpinen Skiweltmeisterschaften in St. Moritz für Michael Walchhofer die große Stunde. Da stellte der 27-jährige Salzburger mit seinem klaren Sieg vor Kjetil-Andre Aamodt und Bruno Kernen unter Beweis, dass er doch ein echter Siegertyp ist.

Der auf Skiern schnellste Hotelier der Welt - Walchhofer führt gemeinsam mit seiner Gattin Barbara das Vierstern-Hotel Zauchensee Zentral - kürte sich nach insgesamt fünf zweiten Abfahrts-Plätzen und einem einzigen Weltcup-Erfolg (Kombi von Kitzbühel) zum schnellsten Skifahrer der Welt. Und das, obwohl er ursprünglich im Stangenwald des Slaloms zu Hause war und in seiner Jugend Landwirt werden wollte.

"Nach so vielen zweiten Plätzen haben mir die Leute Mut gemacht und gesagt, dass es vielleicht bei der WM klappen wird - und so war es jetzt auch. Was das Ganze bedeutet, weiß ich aber noch nicht", konnte Walchhofer nach dem Rennen sein Glück noch gar nicht fassen. Den ruhigen, bescheidenen Kraftlackel aus Altenmarkt/Zauchensee hatten vor der "Königsdisziplin" die wenigsten Experten auf der Rechnung gehabt.

In der Kombi-Abfahrt wurde er vom Wind verblasen und in den beiden Abfahrts-Trainings hatte sich der von seinem Teamkollegen "Bonsai" genannte 1,92 Meter-Riese auch nicht wirklich aus der Reserve locken lassen. Als es aber darauf ankam, ließ Walchhofer seine "goldenen" Atomic die Corviglia hinunter wie kein anderer. "Ich habe mich schon als Favorit gesehen", zeigte Walchhofer, jüngstes von sechs Kindern, Selbstbewusstsein. Schon bei der Besichtigung habe er sich vorgestellt, wie es sei, als Erster durchs Ziel zu fahren.

Auch Hermann Maier stand diesmal klar im Schatten des 97 kg-"Bröckerls". Zwar waren zunächst Marc Girardelli und Luc Alphand ("seine feine Klinge hat mir imponiert") Michaels Vorbilder gewesen, gemeinsam mit dem "Herminator" hat Walchhofer aber bereits viele Stunden auf den Ergometern im Olympiastützpunkt Obertauern gestrampelt. Mit dem nur wenige Kilometer entfernt wohnenden Maier teilt er sich auch den (Atomic-) Servicemann (Edi Unterberger) und bisweilen auch den Trainer (Andreas Evers). "Von Hermann habe ich gelernt, dass es nur mit hartem Training geht", so Walchhofer.

Als Maier bereits groß herausgekommen war, galt Walchhofer, Vater einer neun Monate alten Tochter (Hannah), noch als klassischer Slalom-Spezialist im ÖSV-Hintergrund. Top-Ten-Plätze in Yong Pyong (2000) und Kranjska Gora (1999) ließen viel erwarten, auch wenn Walchhofer an seiner Zukunft im Slalom zweifelte: "Ich hab die Umstellung auf die kurzen Skier nie wirklich geschafft."

Er sei womöglich der erste Abfahrts-Weltmeister der einer Slalom-Gruppe angehöre, so Walchhofer, der auf eigenen Wunsch der Truppe von Gert Ehn angehört. Im Sommer war er aber mit der Abfahrtstruppe in Chile und hat sich dort vor allem bei den Sprüngen verbessert. Den Speed-Bereich trainiert er vollständig in der RTL/SG-Gruppe von Walter Hubmann.

Dass es Walchhofer auch in der Abfahrt weit bringen könnte, zeigte sich bereits sehr früh. In der Saison 91/92 kürte sich der damals 16-Jährige zum dreifachen Jugend-Meister (u.a. Abfahrt) und schaffte darauf den Sprung in den ÖSV. Es folgten die Jahre der FIS- und Europacup-Rennen (EC-Gesamtsieger 98/99), ehe 1999 bei der WM in Vail der erste Großeinsatz auf dem Programm stand. Walchhofer wurde in der Kombination Sechster, nachdem er kurz zuvor mit Rang neun im Slalom von Kranjska Gora sein erster Weltcup-Spitzenresultat abgeliefert hatte.

Zu dieser Zeit war Walchhofer bereits ein "halber" Abfahrer, gemeinsam mit Evers tastete sich der Salzburger langsam aber sicher an die Weltspitze heran. Bei der WM in St. Anton schied der leidenschaftliche Bergsteiger in der Kombi noch aus, ehe in der Saison 01/02 der steile Aufstieg Walchhofers begann.

In Gröden (Zweiter), Val d'Isere und auch St. Moritz (jeweils Dritter) folgten die ersten Podestplätze. Sein Premieren-Sieg blieb ihm in der Abfahrt aber auch in der laufenden Saison verwehrt. In Beaver Creek, Gröden, Bormio und Wengen war er jedoch mit vier zweiten Plätzen bereits ganz nahe dran.

Nach dem Motto "Unverhofft kommt oft" folgte schließlich in der Kombi von Kitzbühel der erste Weltcup-Erfolg und schließlich nun in St. Moritz sein größter Coup. Was Walchhofer eigentlich bereits nach Platz zwei Anfang Dezember in Beaver Creek vorausgesagt hat: "Jetzt kann ich auch auf allen anderen Strecken der Welt vorne sein", hatte er damals prophezeit. Am Samstag bekam er recht.

8.2.2003 16:43