Powell-Wandlung: Aus "Taube" wurde US-Ankläger
- Berufsmilitär mit Schauspielertalent
- "Powell war lange Zeit ein widerwilliger Krieger"
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Colin Powell galt immer als der einsame Rufer in der Wüste, der George W. Bush von militärischen Schritten abriet. Ausgerechnet der gemäßigte Außenminister vertritt jetzt vor dem Weltsicherheitsrat in New York die USA als Ankläger in einem "Prozess", der wahrscheinlich mit dem Urteil "Krieg" enden wird.
"Powell war lange Zeit ein widerwilliger Krieger", stellte das amerikanische Nachrichtenmagazin "Newsweek" fest. Doch jetzt sei er mit seiner Geduld am Ende. Die "Taube" mauserte sich nach Darstellung aus seiner Umgebung nicht ohne Not zum "Falken". Tag für Tag sei es deutlicher geworden, dass der Irak zu den alten Methoden der Täuschung zurückgekehrt sei. Einem Ex-General wie Powell, der wisse, worum es gehe, sei eine solche Entscheidung nicht leicht gefallen.
Im vergangenen Herbst noch sagte Powells Sprecher Richard Boucher im Außenministerium: "Es gibt keine Kriegstrommeln zu rühren." Powell ging diplomatisch in die Offensive, allerdings mit einer Einschränkung. Im Fernsehen wurde ein "Vertrauter" des Ministers zitiert, Powell lehne einen Angriff auf den Irak ohne Unterstützung der wichtigsten Alliierten ab. Anders als Verteidigungsminister Donald Rumsfeld betrachtete er eine Zustimmung der Alliierten nicht als zweitrangig.
In der Haltung des 65 Jahre alten Sohnes jamaikanischer Einwanderer aus New York hatte sich schon nach den terroristischen Angriffen des 11. September 2001 etwas gewandelt. Die härtere Linie gewann an Übergewicht. Beobachter hielten dies für unausweichlich, weil sich auch Powell nicht der veränderten Stimmung im Land entziehen konnte. US-Minister sind obendrein völlig von der Weisung des Präsidenten abhängig, und der Ex-General hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er ein "treuer Soldat" sei. Über gelegentliche Rücktrittsgerüchte ging der lächelnd hinweg.
Leidenschaftliche Kritiker halten den Mann, der 35 Jahre lang Berufsmilitär und während des Golfkrieges 1991 US-Generalstabschef war, für einen Karrieristen mit schauspielerischem Talent. Das linke Informationsblatt "Counterpunch" schrieb im Mai 2002: "Der frühere General ist von den 'ernsthaften' Medien beiderseits des Atlantik lange als ein gemäßigter Außenseiter in Bushs rechtsextremer Mannschaft betrachtet worden. Es ist natürlich alles eine Farce. Powell war Zeit seines Lebens williger Vertreter mächtiger Interessen." Seine Autobiografie vermittelt das Bild eines Mannes, den harte Arbeit, Talent, diplomatisches Geschick und Sinn für "Timing" ganz nach oben gebracht haben.
US-Präsident Bush hat sich noch kürzlich bei einem Treffen mit dem britischen Premier Tony Blair gerühmt, "dass ich der Typ war, der zu den Vereinten Nationen gegangen ist". Nach verbreiteter Ansicht ist es aber vor allem Powell zu verdanken, dass Bush den internationalen Weg beschritt. In der Öffentlichkeit ist der Chefdiplomat, was den Irak-Konflikt betrifft, besser angesehen als der Präsident. Nach einer Gallup-Umfrage der Zeitung "USA Today" und des Nachrichtensenders CNN vertrauen 63 Prozent ihm in dieser Frage mehr als Bush. Einen besseren "Staatsanwalt" konnte das Weiße Haus nicht zur UNO schicken.
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