Mittwoch, 5. Februar 2003

Über eine Million Pilger in Mekka erwartet

  • Sorge wegen anti-amerikanischer Stimmung
  • Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen

Die Stimmung vor am Mittwoch beginnenden alljährlichen islamischen Pilgerfahrt nach Mekka, Hadsch genannt, ist brisant. Angesichts der antiamerikanischen Stimmung auf Grund des drohenden Krieges im Nachbarland Irak findet die Pilgerfahrt zu den heiligsten Stätten des Islam in Saudiarabien unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Das mit den USA verbündete Königshaus in Riad rief die Pilger aus aller Welt auf, Ruhe zu bewahren. Ein Angriff der USA während der Wallfahrt ist zwar nicht realistisch, wäre aber auch fatal.

Die Konsequenz wäre wohl ein Aufstand der ohnehin emotionalen Pilger, die sich mit ihren Glaubensbrüdern im Irak solidarisieren würden. Laut Koran sollte jeder Moslem ein Mal im Leben zum Geburtsort des Propheten Mohammed und damit dem kulturellen und religiösen Zentrum der islamischen Welt pilgern. Die Wallfahrt gehört zu den fünf Grundpflichten jedes männlichen Moslems gehört - neben dem Bekenntnis zur Einheit Gottes und der Prophetenschaft Mohammeds, den fünf täglichen Gebeten, dem Geben von Almosen und dem Fasten. Wer arm oder krank ist, wird von der Pflicht zur Mekkafahrt anlässlich des Opferfestes befreit.

Schon einige Male hatte die Politik die Hadsch überschattet - mit tragischen Folgen: 1987 starben mehr als 400 Menschen, als saudiarabische Ordnungskräfte gegen eine unerlaubte Demonstration iranischer schiitischer Pilger vorgingen. 1979 wurden bei der gewaltsamen Beendigung einer Geiselnahme durch Regimegegner in Mekka 153 Menschen getötet.

Pilgerfahrt hat politische Bedeutung
An sich hat die Pilgerfahrt nach Mekka keine politische Bedeutung. Manche sehen sie vielleicht darin, dass sie hunderttausend Moslems aus aller Welt vereinigt. Erste Wallfahrtsstätte für die ganz in weiße Gewänder gehüllten Pilger ist in Mekka die Kaaba (Würfel), ein schwarzes, leeres, fensterloses Gebäude. Zum Zeichen der Verehrung küssen die Pilger den Schwarzen Stein, der in einer Ecke des Gebäudes in Brusthöhe eingemauert ist. Auf einem Rundweg gehen sie sieben Mal um die Kaaba herum.

Von Mekka geht es dann etwa 15 Kilometer südwestlich in eine Zeltstadt, wo die Gläubigen drei Nächte verbringen. Ein Höhepunkt der Riten ist das "Stehen" am Berg Arafat. Der Überlieferung nach hielt der Prophet Mohammed dort im Jahr 632 kurz vor seinem Tod seine letzte große Predigt. In der Ebene von Musdalifah werden die Steine für die "Steinigung des Teufels" gesammelt. Anschließend findet das Opferfest statt, das wichtigste Ereignis im islamischen Kalender, bei dem moslemische Gläubige in der ganzen Welt Schafe, Kamele oder Kühe schlachten.

Schwere Zwischenfälle
Die Hadsch wurde in den vergangenen Jahren immer wieder von schweren Zwischenfällen überschattet. Vor zwei Jahren starben 35 Menschen bei einer Massenpanik während der "Steinigung des Teufels". 1994 und 1998 wurden bei ähnlichen Vorfällen Hunderte getötet. 1990 gab es nach einer Massenpanik 1.426 Tote.

Die Stellung des saudiarabischen Monarchen als "Hüter der heiligen Stätten" Mekka und Medina ist nicht unumstritten. 1924/25 war es dem Usurpator und Reichsgründer Ibn Saud (Vater des heutigen Königs Fahd) gelungen, das 1916 vom erblichen Großscherif von Mekka ausgerufene Königreich Hedschas zu erobern und die von der Familie Propheten abstammende Dynastie der Haschemiten aus Mekka zu vertreiben. Die haschemitischen Prinzen Faisal und Abdullah wurden daraufhin mit britischer Hilfe Herrscher im Irak bzw. in Transjordanien (später Jordanien).

5.2.2003 07:57