Donnerstag, 30. Jänner 2003

Forrester-Studie: UMTS kein Wachstumstreiber

  • 2007: Betreiber erwarten Penetration von 50 %, Forrester 10%
  • Break-Even für UMTS-Investitionen erst 2014 prognostiziert

Kurz vor dem Start der dritten Mobilfunkgeneration UMTS hat die Mobilfunkbranche von einem der weltweit führenden Marktforschungsunternehmen, Forrester, erneut einen kräftigen Dämpfer verpasst bekommen. "Ich glaube die Anbieter in Europa träumen. UMTS ist kein großer Wachstumstreiber für die Wirtschaft", verkündete Chefanalyst Lars Godell am Donnerstag vor rund 300 Journalisten bei einer Veranstaltung der Deutschen Telekom in Berlin.

UMTS komme viel später als von den meisten Anbietern versprochen, Mobilfunkkunden seien nicht bereit, dafür Geld auszugeben und die Innovation komme aus anderen Bereichen, bilanzierte der Telekom-Experte die Ergebnisse seiner jüngsten Untersuchungen.

Japan zeigt: UMTS setzt sich nur langsam durch
Während nach einer Umfrage unter 26 europäischen Mobilfunkanbietern die Branche davon ausgeht, dass im Jahr 2007 rund 50 Prozent der Mobilfunkkunden UMTS nutzen werden, meint Forrester, dass es gerade einmal 10 Prozent sein werden. Erfahrungen in Japan hätten gezeigt, dass 3G sich nur langsam durchsetze. Zudem würden in den nächsten zwei Jahren nicht genug UMTS-Handys am Markt sein und in den drei darauf folgenden Jahren werde UMTS wahrscheinlich nur in den Großstädten funktionieren.

Wenig Zahlungsbereitschaft
Auch der Schwerpunkt auf den Vertrieb gerät bei Forrester unter Beschuss. Während die Europäer 1999 101 Mrd. Euro für Kommunikation ausgegeben hätten, seien die Ausgabe für Content nur bei 89 Mrd. Euro gelegen. Die Konsumenten seien außerdem kaum bereit für neue UMTS-Services zu zahlen. Nur 24 Prozent hätten in einer Umfrage unter 23.000 Verbrauchern zu Mitte des Vorjahres Interesse an kostenpflichtigen Mobilfunkanwendungen gezeigt.

Break Even verzögert sich
Insgesamt haben die europäischen Betreiber laut Forrester zwischen 250 und 300 Mrd. Euro für UMTS ausgegeben. Den Break-Even für diese Investitionen erwartet Godell - in der Branche bereits als "gloomy Godell" (Griesgram Godell) verschrien - für den durchschnittlichen UMTS-Betreiber in Europa erst 2014. Österreich liegt hier genau im EU-Schnitt, in Deutschland rechnet Forrester mit einer Amortisierung der UMTS-Ausgaben erst 2016.

Telekom-Branche anderer Meinung
Die am Donnerstag in Berlin versammelte Branche sieht das anders. Rene Obermann, Chef der Deutsche Telekom-Tochter T-Mobile, beharrte darauf, dass die Akzeptanz der Kunden für UMTS-Handys viel schneller kommen werde, als von Forrester prognostiziert. T-Mobile wird laut Obermann im dritten Quartal in Deutschland mit 5.000 Standorten UMTS starten, in Österreich sollen es mehrere hundert Standorte sein. In Deutschland sei T-Mobile selbst unter Abzug aller Kosten - auch für UMTS - hoch profitabel, sagt Obermann.

Handy-Erzeuger wehren sich
Auch die Handy-Erzeuger wehren sich gegen den Vorwurf Forresters, wonach die neuen Mobilfunkgeräte nicht rechtzeitig zur Verfügung stünden. Laut Nokia-Chef Jorma Ollila werden viele europäische Netzbetreiber im dritten Quartal dieses Jahres mit kommerziellen UMTS-Angeboten starten. Nokia habe tausende Testhandys bereits im Sommer des Vorjahres zur Verfügung gestellt. Diese Tests seien weit fortgeschritten. Mit dem dritten Quartal würden Nokias UMTS-Handys zur Verfügung stehen.

Auch Siemens-Konzernchef Heinrich von Pierer versprach, rechtzeitig genügend Geräte auf den Markt zu bringen. Das erste UMTS-Gerät - eigentlich ein Motorola-Handy, das unter dem Namen Siemens verkauft wird - bringt der Münchner Konzern im Juni. Das erste selbst entwickelte Gerät kommt 2004. Wichtig sei aber, so Pierer, dass mit zu hohen Preisen für die neuen Geräte und Services keine "künstlichen Barrieren" geschaffen würden.

Generell glaubt der Siemens-Chef, dass die neuen Services jedenfalls "zum Erfolg verurteilt" sind. Dass die Kunden in Umfragen derzeit kein Interesse zeigen, beunruhigt ihn nicht. Kunden seien in der Regel nicht bereit, für etwas zu zahlen, bevor sie das Produkt gesehen haben. Die Erfahrung aus früheren Innovationen habe gezeigt, "dass die Skepsis anfangs größer sein wird, es dann aber schneller gehen wird, als man glaubt", meint Pierer.

30.1.2003 13:51