Dienstag, 28. Jänner 2003

Zukunft oder Fass ohne Boden:Investieren in Russland

  • Strategieplaner sehen wirtschaftliche Stabilisierung
  • Aber: Landesspezifische Risiken sind zu berücksichtigen

Es gilt nach wie vor Hürden zu überwinden für ausländische Investoren in Russland - dennoch wird die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und speziell Russland für Kapital-Anleger offenbar zunehmend attraktiv. Davon sind zumindest die Strategieplaner der Roland Berger Strategy Consultants überzeugt. Sie führen die Stabilisierung der politischen Lage und zunehmende Rechtssicherheit als Argumente für ein Russland-Engagement ins Treffen.

"Die Euphorie der frühen neunziger Jahre ist zwar verflogen. Seit der Wirtschaftskrise 1998 weist die russische Wirtschaft aber ein solides Wachstum von rund vier Prozent pro Jahr auf", sagt einer der Leiter der Moskauer Niederlassung der Strategieberater. Auch die hohe Inflationsrate, die 1998 noch bei 84 Prozent lag, konnte im Jahr 2002 auf rund 13 Prozent gesenkt werden.

Rechtssicherheit
"In der Putin-Ära wurden wesentliche wirtschaftspolitische Reformen eingeleitet und teilweise auch bereits umgesetzt", heißt es. Dazu komme die zunehmende Rechtssicherheit und die Stärkung der Aktionärs- und Investorenrechte: "Das Vertrauen inländischer und ausländischer Investoren kehrt zurück, vor allem die Direkt-Investitionen steigen".

Fluchtkapital kehrt zurück
Ein starkes Indiz: Die Rückkehr von "Fluchtkapital" nach Russland. Viele Russen hatten in den vergangenen Jahren ihr Geld im Ausland – zum Beispiel auf Zypern – angelegt. So gelangten jährlich bis zu 25 Milliarden US-Dollar außer Landes - ein Trend, der sich nach Angaben der Strategen jetzt umzukehren scheint.

Russlands Wirtschaft nach wie vor auf niedrigem Niveau
Trotz der allgemeinen Stabilisierung der vergangenen Jahre befindet sich Russlands Wirtschaftskraft auf Pro-Kopf-Basis nach wie vor auf dem Niveau von Rumänien. Die wirtschaftliche Entwicklung konzentriert sich vor allem auf die Region um Moskau, die derzeit einen wahren Boom erlebt, und vier bis fünf weitere Städte. "Die Unterschiede zwischen den Regionen sind gravierend, die gesamte wirtschaftliche Entwicklung findet eigentlich im europäischen Teil statt".

Die russische Wirtschaft ist – vor allem was Exporte betrifft – nach wie vor extrem rohstoffabhängig. "Drei Branchen – Öl, Gas und Stahl/Buntmetalle – tragen de facto den gesamten Export und damit die Wirtschaft des Landes."

"Aufgebauscht": Korruption und Mafia
Das Marktpotenzial ist durch eine Bevölkerung von rund 146 Millionen Menschen sei groß, die Kaufkraft wachse. Probleme mit Mafia und Korruption würden von westlichen Journalisten oft übertrieben dargestellt. Doch natürlich ist das Geschäftsleben im "Wilden Osten" immer noch anders strukturiert als in der Europäischen Union: "Bei der Businessplanung in Russland (sind) die länderspezifischen Risiken und Besonderheiten zu berücksichtigen".

Keine rasanten Gewinne
"Bis heute läuft in Russland ohne Vitamin B kaum etwas. Deshalb ist die Wahl des richtigen Partners besonders wichtig". "Ein langer Atem ist für Investitionen in Russland jedenfalls nötig", räumen die Moskau-Experten aber doch noch ein.

28.1.2003 15:50