Sonntag, 2. Februar 2003

Liegl holt sich am Kulm seinen ersten Weltcup-Sieg

  • Vor zehn Monaten hatte Liegl eigentlich Karriere beendet

Mit Saisonende 2002 hatte Florian Liegl eigentlich genug vom Skispringen. Nach einer mäßigen Saison im Kontinentalcup ohne Podestplatz stellte der 1,94-m-Bursche seine Ski ins Eck und führte ein Monat lang ein anderes Leben. Der Innsbrucker achtete nicht mehr auf sein Körpergewicht, aß, was er wollte, und inskribierte für ein Sportstudium. Bis zu acht Kilogramm mehr als heute wog Liegl damals, doch die Sportlerkarriere des Tirolers sollte doch noch nicht vorbei sein ...

"Es gab viele, die sagten, Du schaffst es nie und die haben es geschafft, mir das einzureden", erinnert sich "Flo" oder "Fliegl", wie er genannt wird. Doch seine Familie, einige Freunde, der neue B-Kader-Trainer Alexander Pointner und auch sein Stams-Coach Harald Haim haben ihn im vergangenen Sommer überzeugt, es noch einmal zu versuchen. "Sie haben einen Florian gekannt, der im Kontinentalcup in der Quali ausgeschieden ist", erzählte Liegl. Der Wiederbeginn stand unter dem Zeichen "Spaß sowie die richtige Einstellung". Überredet habe er sich letztlich aber selbst zum Weitermachen. "Der Wille muss von innen herauskommen. Wenn einem das jemand sagt, dann schafft man das vielleicht zwei Tage", sagte Liegl.

Und dem Innsbrucker "Riesen-Vogel" (Original-Kommentar Toni Innauer) wuchsen Flügel, im diesjährigen Weltcup hat der seit Samstag 20-Jährige eine tolle Serie hingelegt: Mit Rang sechs in Trondheim sprang er im dritten Saisonbewerb erstmals mitten in die Weltklasse, mittlerweile hält er bei zehn Top-Ten-Platzierungen: Den zweiten Rängen in Innsbruck sowie zwei Mal in Zakopane und Platz drei in Sapporo folgte in Bad Mitterndorf bei seinem ersten Skifliegen überhaupt der heiß ersehnte Sieg. Und im Gesamtweltcup war Liegl vor der zweiten Kulm-Konkurrenz bereits Achter.

"Das war sicher das Schönste, was ich bis jetzt im Skisprung-Zirkus erlebt habe. Zu Hause auf dem Kulm zum Geburtstag bei der Skiflug-Premiere den ersten Platz zu holen, ist wirklich sensationell", meinte Liegl, nachdem er auch erstmals mit einem Hubschrauber geflogen war. Im Hubschrauber des Siegers war er zur Pressekonferenz gebracht worden. Liegl ist bereits der fünfte Athlet aus dem unglaublich starken Team von Hannu Lepistö, der heuer einen Weltcupsieg feiern durfte. Sein Erfolg war übrigens der erste Heim-Weltcup-Sieg seit Andreas Widhölzl vor über drei Jahren (6.1.2000 in Bischofshofen).

Die Erklärung für seine Steigerung sieht Liegl u.a. auch in seinem Flugsystem. Vor allem in der zweiten Flugphase funktioniert dieses sehr gut. "Sein Spezifikum ist, dass er im zweiten Flugteil immer schneller wird", erklärt Innauer. Dabei hat Liegl nicht einmal noch alles herausgeholt aus seinen Möglichkeiten: Mit einer Körpergröße von 1,94 und 73 kg Gewicht benützt er einen 2,81 m langen, extra für ihn hergestellten Blizzard-Ski. Eigentlich darf er 283 cm lange Latten fliegen. "Ich hab sogar schon welche da, aber mich noch nicht getraut, sie zu verwenden", sagte Liegl lächelnd. Für ihn war der Sonntagbewerb auf jeden Fall "nur noch eine Draufgabe". Und auch von der WM, für die er sich nun wohl endgültig empfohlen hat, will er noch nicht sprechen. "Ich hab sicher ganz gute Karten und die 90-m-Schanze in Predazzo liegt mir auch ganz gut, aber das Team wird nach Willingen bekannt gegeben."

2.2.2003 10:48