Donnerstag, 30. Jänner 2003

Iranischer Oppositioneller erneuert Kritik am Klerus

  • Montaseri: Nach 5 Jahren Hausarrest Rede vor 600 Zuhörern

Nach fünf Jahren Hausarrest hat Irans berühmtester Oppositioneller, Hossein Ali Montaseri, erstmals sein Haus in Kom verlassen und vor Hunderten Anhängern eine kritische Rede gegen die Macht des moslemischen Klerus im Staat gehalten. Dieser Klerus, der "Wächterrat", hemmt auch die Reformbemühungen des Präsidenten Khatami.

"Gott (...) hat allen Gläubigen religiöse Führerschaft gegeben, aber nicht unbegrenzte Führerschaft", sagte er in einer kleinen Moschee in der Nähe seines Hauses vor rund 600 Zuhörern, darunter ranghohen Geistlichen. Sicherheitskräfte begleiteten ihn, ohne jedoch einzugreifen.

Montaseri selbst "Groß-Ayatollah"
Montaseri ist selbst Kleriker und Rechtsgelehrter und trägt den Titel Groß-Ayatollah. Der ehemalige Weggefährte des Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Khomeini war zunächst als dessen Nachfolger gehandelt worden. 1988 wandte sich Khomeini jedoch von ihm ab, weil er die Hinrichtung von politischen Gefangenen und Menschenrechtsverletzungen im Iran angeprangert hatte.

Der Hausarrest wurde 1997 verhängt, weil er die Herrschaft des Klerus in Frage gestellt hatte. Trotz des Arrests war sein Einfluss auf die iranische Reformbewegung ungebrochen. In regelmäßigen Erklärungen forderte er Pluralismus im Land und eine Begrenzung der Machtfülle des geistigen Oberhauptes des Landes, Ayatollah Ali Khamenei, gefordert.

Angst der "Wächter" vor Tod in Haft
Nach Einschätzung politischer Beobachter wurde Montaseri aus gesundheitlichen Gründen freigelassen. Konservative Kräfte hätten gefürchtet, ein Tod Montaseris unter Hausarrest könne Proteste auslösen, hieß es. In den vergangenen Wochen hatten Angehörige ihre Sorge über die schlechte Gesundheit Montaseris geäußert, der an Diabetes und einer Herzerkrankung leidet. Die Europäische Union hatte ebenso wie 100 Abgeordnete des iranischen Parlaments seine Freilassung gefordert.

Der "Wächterrat"
Im Iran kontrollieren seit der islamischen Revolution 1979 konservative Geistliche unter anderem Justiz und Armee. Sie blockieren die Reformen, die Präsident Mohammed Khatami und eine Mehrheit von Reformern im Parlament anstreben. Der Rat der Wächter kann jedes Parlamentsmitglied verhaften lassen und jedes Gesetz aus dem Parlament für ungültig erklären.

30.1.2003 16:07