Mittwoch, 29. Jänner 2003

Europa fällt um: Kritik an Frankreich und Deutschland

  • Prodi mahnt: Die EU muss mit einer Stimme sprechen
  • Kommt Brüssels Annäherung an die Amerikaner?

In der EU ist unverhohlene Kritik am Vorgehen Deutschlands und Frankreichs in der Irak-Frage laut geworden. Der Vizepräsident des EU-Verfassungskonvents, Giuliano Amatao, warf beiden Ländern vor, "in der EU nicht für ihre Position geworben zu haben". Deutschland und Frankreich trügen die "Hauptverantwortung" für die Spaltung Europas in der Irak-Frage.

Portugals Außenminister Antonio Martins da Cruz sagte, Paris und Berlin müssten sich in der erweiterten EU mit "anderen geometrischen Varianten" als der deutsch-französischen Achse abfinden. Spaniens Außenministerin Ana Palacio warnte Paris und Berlin, die "Beiträge anderer Mitgliedstaaten auszuschließen".

EU-Kommissionspräsident Romano Prodi hat die Staaten der Europäischen Union am Montag zur Einigkeit im Irak-Konflikt aufgerufen. Die gegenwärtige Spaltung angesichts der Krise führe lediglich dazu, dass die Union international an Gewicht verliere, sagte er bei einem Vortrag in Barcelona. "Wenn wir nicht mit einer Stimme sprechen, wird unsere Stimme nicht existieren und man wird uns nicht hören." Nur so sei es zudem möglich, von einem "einpoligen Modell" abzukommen, bei dem die USA die entscheidende Rolle spielten.

"Freundschaft"
Gleichzeitig rief Prodi dazu auf, eine weitere Spaltung zwischen Europa und den USA zu vermeiden. Die Verständigung und eine "enge Freundschaft" zwischen beiden Seiten sei die Grundlage für den Frieden in der Welt. Prodi äußerte sich zur derzeitigen Entwicklung "sehr besorgt", da ein Krieg gegen den Irak "sehr wahrscheinlich" sei.

Ringen um Kompromiss
Ein Sprecher der EU-Kommission in Brüssel sagte, die griechische Ratspräsidentschaft bemühe sich um einen Sondergipfel, um die unterschiedlichen Positionen zusammenzuführen. Der griechische Außenminister Georgios Papandreou werde seine Nahost-Reise unterbrechen, um am Mittwoch an der Sitzung des UN-Sicherheitsrats in New York teilzunehmen. "Die EU wünscht eine diplomatische Lösung", sagte Papandreou in Beirut.

Tony wirbt um Jacques
Laut britischen Zeitungsberichten ist Premier Tony Blair zuversichtlich, den französischen Präsidenten Jacques Chirac bei einem Gipfeltreffen am Dienstag aus der Gruppe der Kriegsskeptiker herauszulösen und auf die US-britische Linie einzuschwören. Paris wolle weder eine dauerhafte Konfrontation mit US-Präsident George W. Bush noch eine künftige irakische Regierung verprellen, zitierte der "Guardian" britische Regierungsvertreter.

29.1.2003 17:08