Wiener Mafia-Prozess wird fortgesetzt
- Zweiter Tag: Pate bestreitet Verwicklung in Mord
Der Prozess gegen den mutmaßlichen Mafia-Paten Jeremiasz B., der die Ermordung des ehemaligen polnischen Sportministers Jacek Debski in Auftrag gegeben haben soll: Längst hat der 58-jährige Geschäftsmann im Wiener Landesgericht das Heft in die Hand genommen. Ehe Richterin Michaela Röggla-Weiss dazu kam, gezielte Fragen zu stellen, legte der gebürtige Pole zahlreiche Urkunden vor und erzählte von seiner Familie.
Schließlich landete man aber doch beim Kern der Anklage: Debski wurde in der Nacht zum 12. April 2001 vor dem Lokal "Casa Nostra" etwas außerhalb von Warschau erschossen, und Staatsanwalt Walter Geyer glaubt nachweisen zu können, dass Jeremiasz B. den Killer angeheuert, die Tat genau geplant und telefonisch "dirigiert" hat. "Debski war meine Familie", zeigte sich der Angeklagte darüber erbost, "ich habe ihn besonders gemocht! Sein Tod hat mich erschlagen." Er habe erst am nächsten Tag von dem Mord erfahren, entweder aus Funk oder Fernsehen oder von seiner Ehefrau. So genau wisse er das nicht mehr.
Darstellung der Staatsanwaltschaft
Die Anklagebehörde glaubt, dass Debski sterben musste, weil er umgerechnet 421.502 Euro - das Geld stammte angeblich aus eher undurchsichtigen Quellen - auf ein österreichisches Konto überwiesen hatte, für das auch Jeremiasz B. zeichnungsberechtigt war. Ende März 2001 behob dieser in zwei Teilbeträgen dann das gesamte Vermögen und musste - so jedenfalls der Staatsanwalt - befürchten, der Ex-Minister würde das entdecken.
Die Summe habe in Wahrheit zur Gänze ihm gehört, widersprach der 58-Jährige dem Tenor der Anklage. Erst später hätten 600.000 US-Dollar von Debski, dazu kommen sollen: "Wir hatten einige Dinge vor. Wir wollten zusammen Geld veranlagen. Er wollte in Lodz einen Eissalon aufmachen." Er habe bei der Kontoeröffnung Debski lediglich als "Strohmann" vorgeschoben, um keine Schwierigkeiten mit der Finanz zu bekommen.
Immer wieder kam Jeremiasz B. auf Vorgänge zu sprechen, die manchmal nur am Rande mit dem Verfahren zu tun hatten. Die Vorsitzende ließ ihn gewähren. So konnte es geschehen, dass der Angeklagte minutenlang mit den Geschworenen schriftliche Unterlagen erörterte. "Es geht nicht um Fahrraddiebstahl! Es geht um Mord und um mein Leben", warb er um Verständnis.
Belastungszeugin
Belastet wird Jeremiasz B. vor allem von der letzten Begleiterin des ermordeten Ex-Ministers sowie dem Ergebnis einer umfangreichen telefonischen Rufdatenrückerfassung. Demnach hat der mutmaßliche Pate in der Mordnacht mindestens sechs Mal mit der jungen Frau und mindestens zwölf Mal mit einem Mobiltelefon telefoniert, das dem später als Killer ausgeforschten Tadaeusz M. alias Tadek gehört haben dürfte. Diese Beweismittel konnten den nicht geständigen Angeklagten keineswegs erschüttern: "Ich frage mich, wie weit das Spiel noch geht."
"Die Rufdaten-Analyse kann man vergessen", stellte er zunächst ein Mal klar. Die Übersetzungen - die Gespräche wurden allesamt auf Polnisch geführt - seien "gefälscht", behauptete der 58-Jährige: " 'Sau', wie ich gesagt haben soll, sagt in der Unterwelt keiner. Man kennt das Wort nicht." Zudem hätte die ermittelnde Behörde "Kürzungen" vorgenommen, "wodurch alles einen ganz anderen Sinn ergibt." Die Soko Nord - eine auf Jeremiasz B. konzentrierte Sondereinheit der Kriminalabteilung Niederösterreich - hätte "Aussagen genommen und umgestellt": "Ich werde das beweisen!"
Jene Nummer angerufen zu haben, die der Staatsanwalt Tadek zurechnet, stellte Jeremiasz B. gar nicht in Abrede. Allerdings hätte er mit einem anderen Mann kommuniziert, und es sei "um etwas ganz Anderes" gegangen. Den Namen des Unbekannten könne er "heute noch nicht" nennen, "weil ich nicht möchte, dass dieser Zeuge endet wie Tadek." Dieser war im vergangenen Sommer unter mysteriösen Umständen erhängt in seiner Zelle in Warschau aufgefunden worden. Er werde das Rätsel aber "im laufenden Prozess" lösen, kündigte Jeremiasz B. an.
Die vermutlich brisantesten Telefongespräche wurden durchwegs mit abhörsicheren Handys geführt, so dass ihr genauer Inhalt nur insoweit bekannt ist, als sich Halina G. alias Inka - Debskis letzte Begleitung - später dazu geäußert hat. Demnach soll sie sich nach Rücksprache mit Jeremiasz B. mit Jacek Debski getroffen, dann einen Lokalwechsel vorgeschlagen und von dem mutmaßlichen Paten via Telefon erfahren haben, der Ex-Minister müsse "bestraft" werden. "Das stimmt nicht", meinte der Angeklagte dazu.
Die junge Frau hatte auch angegeben, der 58-Jährige habe sie dann nach 23.30 Uhr im "Casa Nostra" angerufen und verlangt, Debski möge "jetzt rausgehen", nachdem er unmittelbar zuvor mit dem Killer fernmündlichen Kontakt gehabt haben soll. "Dieses Gespräch hat nicht stattgefunden!", konterte Jermiasz B. Er habe den fraglichen Abend mit seinem Schwiegervater und einer oder zwei Flaschen Wein vor dem Fernseher verbracht: "Ich kann nicht genau sagen, wann ich telefoniert habe."
Fest steht, dass sich am nächsten Morgen Tadek bei ihm mit den Worten "Elegant, was?" aus einer öffentlichen Telefonzelle in Warschau gemeldet hat. Das sei ganz gewiss nicht als "Vollzugsmeldung" zu sehen, betonte der Angeklagte: "Er hat sich nach meiner Gesundheit erkundigt. Das ist Gaunersprache. Zwei Gauner sprechen miteinander. Ich passe mich an."
Am 13. April schickte der mutmaßliche Pate mit Wohnsitz Gramatneusiedl dann einen Angestellten mit einem Kuvert nach Polen, das dieser Tadek überbrachte. Den Gedanken, darin könnte Geld gewesen sein, fand Jeremiasz B. absurd: "Es waren Seiten aus einem Reparaturbuch, damit er seinen Peugeot herrichten kann." Mit den Stoßdämpfern wäre es nicht zum Besten gestanden.
Familiendrama in St. Pölten15:23
Bluttat: Bub ist totÄrzte kämpften erfolglos: Achtjähriger Bub nach Kopfschuss gestorben
