Dienstag, 21. Jänner 2003

Piloten gegen EU-Vorschlag mit längeren Flugzeiten

  • Sicherheitsprobleme durch Übermüdung befürchtet

Ein Vorschlag des EU-Parlaments treibt Europas Piloten auf die Barrikaden. Mit einer europaweiten Flugblattaktion demonstrieren sie gegen eine Ausweitung ihrer Flugzeiten. Sie wollen nicht vier Tage hintereinander je 13 Stunden lang in der Luft sein. Denn Ermüdung hinter dem Steuerknüppel könnte zu tödlichen Fehlern führen.

Der Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, Markus Kirschneck, warnte am Dienstag am Flughafen Frankfurt vor den Konsequenzen derartiger Regelungen. Am Wiener Flughafen in Schwechat sollten sich zu Mittag "alle Besatzungsmitglieder versammeln, um auch in Österreich in der Öffentlichkeit diesem sicherheitsrelevanten Luftfahrthema Nachdruck zu verleihen".

Sicherheit bedroht
Die Piloten fürchten um die Sicherheit an Bord auf Grund übermüdeter und überlasteter Besatzungen, sollte die Regelung vom Parlament in Brüssel verabschiedet werden. Die Pilotenvereinigung begrüßte den Versuch, eine einheitliche europaweite Regelung zu schaffen. Sie forderte jedoch, das Parlament müsse zuvor unabhängige Mediziner anhören.

Der von dem sozialdemokratischen EU-Parlamentarier Brian Simpson eingebrachte Vorschlag sieht für die Crew eine tägliche reguläre Dienstzeit von elf Stunden vor. Das wäre eine Stunde mehr, als die deutschen Piloten derzeit eingesetzt werden dürfen. Der Flugdienst soll darüber hinaus zusätzlich an bis zu vier Tagen hintereinander auf maximal 13 statt bisher zwölf Stunden ausgedehnt werden können.

Vergleich: Lkw-Langstrecken-Fahrer
Das widerspreche allen medizinischen Erfahrungen, sagte der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Flugzeiten bei Cockpit, Carsten Reuter. Nicht ohne Grund: Die Erfahrung bei Langstrecken-Lkw-Fahrten zeigt, wie die Unfallhäufigkeit bei langen Fahrzeiten zunimmt. Die Gefahr bei Flugzeugen ist dieselbe, nur betrifft sie um ein Vielfaches mehr Menschen.

Als mögliche Auswirkungen längerer Arbeitszeiten befürchten die Piloten neben Konzentrationsschwäche und Sekundenschlaf auch die so genannte Zielfixierung und erhöhte Risikobereitschaft. Dabei versuchen Piloten unter allen Umständen, auf dem angepeilten Flughafen zu landen, auch wenn die Wetterverhältnisse ein Ausweichen erforderlich machten, erklärte Reuter. Die Auswertung des Absturzes einer American Airlines-Maschine beim Landeanflug auf den US-Flughafen von Little Rock am 1. Juni 1999 habe gezeigt, dass auch langjährige Erfahrung die Crew nicht vor diesen Ermüdungserscheidungen bewahre.

Keine frische Luft, keine Bewegung als Ausgleich
Im Vergleich zu anderen Arbeitsplätzen sei es für Piloten unmöglich, Müdigkeit durch frische Luft oder Bewegung zu bekämpfen, sagte Reuter. "Die Cockpittüren sind aus Sicherheitsgründen verriegelt und verrammelt." So bleibe den Piloten nur ein Bewegungsraum von etwa einem halben Quadratmeter. Gerade bei Nachtflügen sei das Dämmerlicht und das konstante Brummen der Motoren zudem ideal zum Einschlafen. Bei zu langen Arbeitszeiten bestehe die Gefahr, dass die Cockpit-Besatzung unter diesen Bedingungen in einen Zustand ähnlich einem Alkoholspiegel von 0,5 Promille verfalle. Sie sei dann nicht mehr fähig, ein Flugzeug zu führen, mahnte Reuter.

Mit Flugblättern versuchte die europäische Pilotenvereingung ECA, der rund 31.000 Piloten angehören, am Dienstag die Passagiere auf die Situation aufmerksam zu machen. "Wir starten moderat, da wir an die Vernunft der Politiker glauben", sagte Cockpit-Präsident Thomas von Sturm. Zu einem vierstündigen Pilotenstreik kam es in Italien, wo das Regelwerk schon im Vorfeld umgesetzt werden soll. Die Pilotenvereinigung Cockpit schloss Streiks in Deutschland nicht aus, sollten ihre Forderungen vom Europaparlament nicht berücksichtigt werden.

21.1.2003 13:47